von kleinschreibung
Im Grunde wäre ich lieber ein Gedicht. Klar strukturiert, syntaktisch geordnet, nach Versen sortiert, in der Lyrik verortet. Wo alles, egal was da rauskommt, so schön ist und wo jeder Fehler stilistisch gewollt ist.
Mein Metrum wär‘ mir egal, hauptsache ich hätte eins, hätte diesen beständigen Beat, der sich wie ein 5-hebiger Herzschlag durch mein Leben zieht, einen Rhythmus erzeugt, in dem ich mich zu bewegen weiß, den Weg aufzeigt, eine Richtung weist.
Ich wär keine Ballade, vielleicht ein Sonett, vierzehn Zeilen, mehr braucht‘s eigentlich nicht, damit mein Gedicht-Ich allen Regeln entspricht, aber umarmende Reime wären ganz nett.
Wäre ich ein Gedicht, würden Schülerinnen mich hassen (ja, sorry, generisches Femininum kann ich nicht lassen), während sie sich mit mir befassen, und ihre Hoffnungen auf die positive Note sie verlassen, denn fassen kann ich mich meist nicht mal selbst.
Aber wer analysiert in der Schule heute noch Gedichte?
Und ich bin ja auch keins, wäre es gern, bleibe im Konjunktiv Irrealis der Wirklichkeit fern, während ich mich immer und immer wiederhole.
Bei mir läuft alles zusammen, ohne Struktur: Schachtelsätze, die Ellipsen lieben und die sich trotzdem nicht im Arm liegen. Ich habe das mehrhebige Chaos perfektioniert, das sich manchmal versehentlich in Jamben verliert. Ich bin ungeordnet, unsortiert. Mein Reimschema ist das ganze Alphabet und was dann da noch steht, das reimt sich halt nicht.
Im Grunde bin ich eher so ein Text, den man vielleicht nicht lesen kann, sondern sprechen muss (aber bitte nicht alle auf einmal) im kleinen Schuppen und bei Scheinwerferstrahl: Slam-Poetry nennt man das glaube ich, wenn es nicht reicht für ein echtes Gedicht.
© kleinschreibung 2021-11-08