von Tanja Frei
„Mit 25 werde ich Mama sein, so wie meine Mutter damals.“ „Ich wünsche mir einen Heiratsantrag, eine Hochzeit in Weiss und danach wollen wir eine Familie gründen.“ „Erst heiraten, dann Kinder.“ „Ich möchte mindestens vier Kinder.“ „In zehn Jahren sehe ich mich als Vollzeit-Mama.“ „Ich freue mich schon darauf, meinen Job aufzugeben. Den mag ich sowieso nicht.“
Solche Aussagen habe ich immer wieder gehört, seit die Frauen in meinem Umfeld in Beziehungen waren. Oft war ich Teil von Gesprächen, in denen es darum ging, Kinder in die Welt zu setzen. In den vergangenen 15 Jahren wurde viel über Kinderwünsche und Lebenspläne gesprochen. Schon damals spürte ich, dass diese Themen für viele meiner Freund*innen wichtig sind. Man sucht sich passende Partner*innen und plant eine Familie.
Ich habe diesen Gesprächen meist nur gelauscht. Keine Meinung geäussert. Ich sass dabei und hörte zu. Habe versucht, mir Freund*in XY mit drei Kindern vorzustellen und mich letztendlich gefragt, warum ich mir diese Gedanken nicht selbst mache. Oder warum ich diesen Kinderwunsch nicht so verspüre wie die anderen. Irgendwann fragte ich meine Mutter, wie sich ein Kinderwunsch anfühlt. Wann sie ihn verspürt habe. Wieso sie Kinder wollte. Ich bekam Antworten, fand meine eigenen jedoch nicht.
Irgendwann Mitte 20 wollte ich mich selbst besser kennenlernen. Ich wollte Fragen nachgehen, die ich schon so lange hätte beantworten sollen – nicht nur denen zum Kinderwunsch. Ich hinterfragte Beruf, Familie, Beziehungen und vor allem mich selbst. Nach über drei Jahren als Single, beruflichen Umorientierungen, Familienarbeit und dem Distanzieren von toxischen Freundschaften wusste ich: Ich bin glücklich. Und dafür brauchte ich weder Partner*in noch Kind.
Was ich zu dem Zeitpunkt nicht ahnte: Wenn du keine Erwartungen mehr hast und nichts mehr suchst – genau dann läufst du wieder einem Mann in die Arme. So geschah es. Jedoch anders als zuvor. Langsam. Vorsichtig. Viele Stunden nur zu zweit. Reden lernen. BedĂĽrfnisse mitteilen. Nein sagen. Ja sagen. Zusammen gehen. Wochen, Monate, Jahre vergehen. Weiterleben. Das Leben leben. Zu zweit.
Und plötzlich war da ein sanftes Zwicken, ein Ziehen vor Glückseligkeit und mit ihm keimte dieser eine Wunsch auf. Du bist es, mit dir will ich es. Ich spüre es zum ersten Mal. Auch ohne Kind würden wir glücklich sein. Weil wir unser Leben mögen. Weil es nicht unser einziges Ziel ist. Doch mit dir könnte ich es mir vorstellen. Mit dir möchte ich in die Tiefgründigkeit des Lebens eintauchen. Alles hinter uns lassen. Die pure Liebe erleben.
Und jetzt ist sie da. Unsere Tochter. Unser Fleisch und Blut. Die grösste Veränderung. Unser Chaos. Unser Wirbelwind. Lachen und Weinen. Die ehrlichste Liebe. Weiseste Lehrerin. Stellt unsere Welt komplett auf den Kopf. Ein kleines, sanftes Herz. Ein ganz neuer Sinn im Leben. So lebenswert wie nie zuvor. Und der Wunsch, der vorher nicht da war, erweist sich als das grösste Glück.
© Tanja Frei 2025-07-30