Kirschkaffee am Garagendach

dieschreiberei

von dieschreiberei

Story

Der Kirschbaum blüht in voller Pracht. Betet das Garagendach mit seinen weißen Blüten ein. Dahinter lugt der strahlend blaue Himmel an einzelnen Stellen hindurch. Hin und wieder tanzen die kleinen Äste des Kirschbaums im Wind. Einzelne Blütenblätter lassen sich von ihm davontragen. Segeln leicht wieder Federn durch die Luft. Viele von ihnen sinken sanft auf das Garagendach. Andere beschließen auf Reisen zu gehen. Immer wieder vernehme ich das Summen von Bienen. Sehe sie in den Blüten verschwinden. Um nach kurzer Zeit wieder aufzutauchen. Verträumt schließe ich die Augen. Lasse alles auf mich wirken. Die Geräusche werden zur Musik in meinen Ohren.

„Zeit für einen Kaffee“, höre ich meine Mama rufen. Irgendwie will ich diesen Platz nicht verlassen. Meine Oase der Ruhe. Ich liebe solche Orte, solche Plätze, an denen in Eins sein kann mit mir selbst. „Ich nehme ihn mit“, lächle ich meine Eltern an. „Wo gehst du mit dem Kaffee hin?“, sehen sie mich verwundert an. „Aufs Garagendach, zum Kirschbaum“, antworte ich und biege um die Ecke.

Sanft regnen die Blütenblätter auf mich herab. Immer wieder landet eine von ihnen in meinem Kaffee. Mit einem lauten Rumps wird eine Decke auf das Dach geworfen. Mit einem noch lauteren Rumps gesellen sich meine Eltern zu mir. Gemeinsam sitzen wir hier. Genießen unseren Kaffee und lauschen den unterschiedlichsten Geräuschen. „Es ist wunderbar hier. Schon so lange gibt es dieses Dach und noch viel länger diesen Kirschbaum. Ich fühle mich, als würde ich direkt im Baum sitzen. Jetzt weiß ich, wo gut Kirschenessen ist. Nicht nur das Pflücken, auch das Genießen.“, flüstert meine Mama verträumt.

Ich sitze gerade im Zug. Auf dem Weg nach Hause von der Arbeit. Da klingelt mein Handy und zeigt eine neue Whats-app Nachricht an. Als Absender erscheint mein Papa. Lächelnd tippe ich meine Antwort: „Das Paradies liegt oft so nahe, dass man es mit freiem Auge ganz leicht übersehen kann.“ Ein paar Sekunden später: „Also das Teilen meiner Süßigkeiten mit den Bienen widerstrebt mir schon noch ein wenig“. Über seine Nachricht muss ich herzhaft lachen. Die Mitreisenden sehen mich verwundert an. Vor meinem inneren Auge erscheint ein Bild. Ein Bild meiner Eltern. Wie sie gemeinsam am Dach sitzen, als Kulisse der Kirschbaum direkt vor ihrer Nase. Ein wunderbares Bild.„Papa, leg bitte den Schlafsack bereit. Eine Nacht am Garagendach steht an. Über uns schützend die Arme des Kirschbaums und noch weiter oben die funkelnden Sterne“, freue ich mich riesig, als ich meine Nachricht absende. „Ich bevorzuge mein Bett, aber mit einem Morgenkaffee am Garagendach kann ich mich anfreunden“, ertönt die nächste Nachricht.

„Also Kirschblüten im Kaffee waren noch ok, aber Kirschen im Kaffee, daran kann ich mich nicht gewöhnen“, murmelt meine Mama und beginnt zu glucksen.

© dieschreiberei 2021-05-08

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