Kiss, Marry, Kill

Mittag_wie_Frühstück

von Mittag_wie_Frühstück

Story
Sudan 2024

Liebes Tagebuch, ich heiße William. Meine Freunde nennen mich aber einfach nur „Vollopfer“. Leider weiß ich nicht, was sie damit meinen. Meine Mutter schwört jedoch, dass sie in ihrer Jugend diesen Spitznamen den Klassenkameraden verliehen hat, die ziemlich schlau waren. Also muss es sich um ein gutes Wort handeln! Deswegen liebe ich meine herzlichen Freunde. Sie erfüllen meine Träume. Beispielsweise verschafften sie mir die Ehre, einen Gerichtssaal, den ich bisher nur aus Film und Fernsehen kannte, von innen zu sehen. Eine gigantische Geste! Als mir mitgeteilt worden war, dass ich sogar Hauptteilnehmer des Verfahrens sein würde, explodierte mein Kopf fast vor Freude. Ich durfte den Angeklagten spielen. Wahnsinn! Obwohl ich erst zwölf Jahre alt bin! Die Erinnerung daran wird nie verblassen:
Richter: „Wir sind heute zusammengetroffen, um einem spitzbübischen Spitzbuben wegen schwersten Vergehens das Lebensrecht abzusprechen. Denn er ist belastet mit dem untrüglichen Vorwurf, einen Mord geplant, Inzest begangen und illegale Liebe ausgeprägt zu haben.“
Ich: „Ich kenne nicht die Bedeutung der Begriffe und erkläre mich somit für freigesprochen!“
Richter: „Antrag abgelehnt! So leicht läuft dieser Prozess nicht für dich, mein Junge. Eines Nachts hast du bekanntlich mit deinen Kumpels ein Spiel ausprobiert, bei dem sie dir drei Personen nannten, welche anschließend von dir nach einem vorgegebenen Muster hierarchisiert wurden: Wen tötest du? Wem gibst du einen Kuss? Wen heiratest du? In diesem Kontext hast du behauptet, deinen Bruder töten zu wollen.“
Ich: „Zurecht! Er fasste ’ner Frau an die Brüste!“
Richter: „Ja, seiner Mutter! Du könntest deinen kleinen Bruder erst des sexuellen Übergriffs bezichtigen, wenn er nicht mehr auf Muttermilch angewiesen ist und festes Essen beißen kann.“
Ich: „Naja, die Brüste meiner Mama kriegt er super gebissen… Ich gestehe dies. Gestatten Sie, nun die nächste Anschuldigung einzuleiten?“
Richter: „Du meinst jene, die beschreibt, dass du deine leibliche Schwester küssen möchtest?“
Ich: „Im Rahmen des Spiels! Meine elfjährige Schwester hielt stets zu mir. Aus liebevoller Dankbarkeit würde ich ihr einen Kuss geben.“
Richter: „Interessant… Verspürtest du in deiner Vergangenheit des Öfteren das innige Bedürfnis, minderjährige Mädchen zu knutschen?“
Ich: „Ich bin zwölf Jahre alt! Was erwarten Sie?“
Richter: „Ich finde es fragwürdig, dass keine deiner Hemmschwellen verhindern, dich mit jungen Mädchen zu vergnügen. Bist du pädophil?“
Mama: „Er kommt ganz nach seinem Vater!“
Richter: „Ruhe im Zeugenstand! Die Thematik ist unkompliziert abzuhandeln: Wenn euer Spiel in der Tat dem reinen Vergnügen diente, dann sollen deine Freunde vortreten, dies bewahrheiten und dir die Freiheit schenken. Andernfalls verhänge ich die Todesstrafe inklusive öffentlicher Exekution. Haben wir einen Deal?“
Jup, den hatten wir. Glücklicherweise trafen meine Freunde die richtige Wahl… denke ich. Wie dem auch sei: Ich beende jetzt diesen Tagebucheintrag, denn gleich sammelt die Nachtwache dich ein. Morgen komme ich in den Genuss, ein hochrangiges Abendmahl zu verkosten, um im Anschluss meinen Freunden eine exquisite Show zu liefern. Ich weiß, dass ich dabei vermutlich draufgehen werde, aber sie würden traurig sein, wenn ich ihnen ihre erste Aufführung einer Todesstrafe verderbe. Was tut man nicht alles für Menschen, die man liebt? Übrigens: Der wahre Grund meiner Inhaftierung war, dass ich meinen Vater heiraten wollte. Bis heute weiß ich nicht, was schlimm daran ist, einen anderen Mann zu lieben. Hier, im Sudan.

© Mittag_wie_Frühstück 2024-06-29

Genres
Humor& Satire
Stimmung
Komisch
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