von Azra Ve
Wenn, die Kämpfer auch müde werden. „Kämpfer“ ist ein großes Wort. Kämpfer werden diejenigen bezeichnet, die aus aller Kraft gegen etwas ankämpfen und gewinnen möchten. Was auch noch Kämpfer auszeichnet, ist, dass diese in den meisten Fällen keine Unterstützung bekommen. Heißt, das Wort „Kämpfer“ geht mit der Eigenschaft „Einzelgänger“ einher. Wiederum die Eigenschaft „Einzelgänger“ entwickelt sich durch die Lebenserfahrung. Viele beneiden diese Kämpfer, ohne zu wissen, wie tief die Wunde wirklich ist. Die „Angst“ ist der wirkliche Gegner eines Kämpfers. Ein Kämpfer kämpft nicht gegen einen Gegner, sondern gegen die Angst, gegen die Angst zu versagen. Ausgesprochen wird es nie, denn der Kämpfer muss immer stark sein. Somit wird die Maske immer wieder aufgesetzt und weitergekämpft, bis sie müde werden. Jeder Mensch auf dieser Erde kann nicht ständig funktionieren und stark bleiben. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem sie zusammenbrechen und nicht mehr weiterkönnen. Sie sind dann müde. Müde vom Kämpfen. Müde, gegen allem allein zu kämpfen. Jeder weitere Morgen ist ein weiterer Tag zu bekämpfen. Sie merken, die Strategie funktioniert nicht. Doch einen besseren Plan haben sie auch nicht, da sie allein sind. Es fallen Kompliment wie „Du machst das so gut, Respekt.“, aber keine Frage wie „Wie geht es dir damit? Bräuchtest du Hilfe?“. Die Menschen um einen herum sind schon so sehr dran gewöhnt, dass wir alles allein schaffen und erreichen. Sie halten es nicht mal für nötig, uns diese Frage zu stellen. Und umso mehr wird realisiert und wahrgenommen, wie allein ein Mensch auf dieser Erde ist. Auf einen sich verlassen? Von einem abhängig werden? Das kommt nicht infrage. Je mehr Zeit auch vergeht, umso schwieriger wird es, sich den Menschen zu öffnen. Die Wunden in uns halten uns zurück. Und dies macht uns zu Kämpfern. Wir kämpfen allein. So können wir uns sicher sein, dass wir nicht verletzt werden. Verletzt sind wir dann nicht, aber dafür müde. Diese kämpferische Maske immer wieder aufzusetzen in der Anwesenheit anderer Menschen kostet viel Kraft. Viele unterdrückte und unausgesprochene Emotionen sammeln sich in uns an. So viel, dass wir fast taub davon werden. Wir wissen es, aber möchten es nicht spüren. Umso weniger wir spüren, umso weniger schmerzt es. Wir verdrängen die wahren Gefühle und glauben an die aufgesetzte Maske, an das „Ich“, welches in der Wahrheit nicht existiert, welches nur für die Menschen erschaffen wurde, um das eigene „Ich“ zu beschützen. Wir möchten das Kleinkind in uns nicht noch mehr verletzen. Es hat schon so viel erlebt und durchgemacht. Wenigstens jetzt, wo wir uns darüber bewusst sind und die Möglichkeit haben, diese zu beschützen, wollen wir es richtig machen. Wir denken, es ist der richtige Weg, aber eigentlich ist es das Gegenteil: Wir schließen das Kleinkind in uns ein und unterdrücken es noch mehr. Wir lassen sie nicht frei aus Angst. Die Angst, diese einzige Sache, die nur uns gehört, die uns ausmacht, auch zu verlieren und eventuell zerstört zu werden durch andere, ist viel zu groß. Es wird nie die Chance bekommen, frei zu sein. Wir möchten es kontrollieren und beschützen, so wie alles andere im Leben. Aber nur wenn das Kleinkind frei wird, nur dann können wir frei und glücklich werden. Es einzusperren, heißt uns selber mit einzusperren.
© Azra Ve 2024-11-08