Kleine Scheißerchen

Christa Weißmayer

von Christa Weißmayer

Story
Wien

Unser Blumentrog am Balkon wurde vom Frühling bis in den Herbst anscheinend von allen Tauben der schönen Wienerstadt als Brutplatz auserkoren. Magnetisch zog sie die Ruhe im 8. Stock an. Alle Abwehrmaßnahmen blieben bisher langfristig erfolglos. Mehrmals jährlich gelang es einer ganz besonders Schlauen jegliche Barriere zu überwinden und mit dem Nestbau zu beginnen. Der Montagmorgen war wie immer stressig und ich vergaß nach dem langen Wochenende den Nistplatz zu inspizieren. Irgendwie lag meine Priorität auch in den folgenden Tagen auf einem anderen Fokus. Göttergatte meinte, es gäbe bestimmt schon Eier zum Entsorgen. Und wie Recht er hatte. Das Gelege bestand aus vier braun gefleckten Eiern. Während ich, ausgestattet mit Gummihandschuhen und einem Müllsack, zurückkam, setzte sich eine wunderschöne Turmfalkenmama vorsichtig ins Nest. In den nächsten Wochen schlich ich mich mehrmals täglich auf Zehenspitzen auf die Loggia und beobachtete leise unsere neuen Mitbewohner. Bald konnte ich das bräunliche Köpfchen des Weibchens vom grauen des Männchens unterscheiden. Sie hielten abwechselnd ihr Gelege warm. Ende Mai schlüpften vier total zerzauste Falkenbabys. Sooft es mir möglich war, sah ich nach den Kleinen. Die Eltern versorgten ihre Schützlinge fortwährend mit Futter. Einer der beiden ging auf die Jagd und legte die Beute auf dem gegenüberliegenden Flachdach ab. Von dort holte der andere kleine Bissen und stopfte damit die weit geöffneten, hungrigen Schnäbel. Eines der Jungen schien immer schwächer zu werden. Mir fiel auf, dass es auch nicht mehr gefüttert wurde oder nicht zum Zug kam, da die kräftigen Brüder und Schwestern sich laut piepsend vordrängten. Schon bald ließen die Eltern ihren Nachwuchs immer wieder mal für kurze Zeit alleine zurück. Ich wollte unseren gefiederten Zuwachs fotografieren und bemerkte, das schwache Junge fehlte. War es vielleicht aus dem Nest gefallen oder gestorben und die Eltern hatten es aus dem Nest geworfen? Da ich es unten auf der Grünfläche nicht sehen konnte, musste ich annehmen, es fiel wahrscheinlich einem Nesträuber zum Opfer.

Die Tage verstrichen. Die drei jungen Turmfalken wuchsen kräftig und spazierten auf wackeligen Beinchen im Blumentrog herum. Mittlerweile begann es auf unserem Balkon zu stinken. Die Erde war vom ätzenden Falkenkot komplett verdreckt. Eines Tages stellte ich entsetzt fest, es fehlte schon wieder ein junger Falke. Ich hielt besorgt Ausschau und entdeckte den kleinen Ausreißer auf der Nachbarloggia. Er saß zitternd auf den Hörnern einer Oryx-Antilope. Da war wohl jemand bereits flügge geworden. Die Mutter lockte ihn aufgeregt zurück ins sichere Nest. Anscheinend hatte ihn aber der Mut verlassen. Er saß stundenlang auf der afrikanischen Trophäe des Nachbarn. Irgendwann schaffte er es aber doch wieder zurückzuflattern. Nach und nach unternahmen auch seine Geschwister kurze Ausflüge auf die angrenzenden Dächer. Und eines Morgens war das Nest leer. Die jungen Falken zogen aus, um selbst Mäuse zu jagen und ihr eigenes Revier zu erobern. Ich vermisste die zerzausten Scheißerchen. Im nächsten Jahr hielt ich öfters Ausschau nach den Turmfalken. Vergebens lauschte ich ihrer Balzrufe. Ich hoffte, wenigstens einer würde unseren Balkon wieder zum Brüten nutzen. Leider legten nur gurrende Tauben gesammelte Zweige in den Blumentrog.

© Christa Weißmayer 2023-03-29

Genres
Romane & Erzählungen, Biografien
Stimmung
Abenteuerlich, Informativ
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