Kochkurs vegetarisch – nicht ungefährlich!

Story

Als ich 1984 in höchster Verliebtheit nach Graz zog, um herauszufinden, was an der Beziehung zu meiner flüchtigen Paddelbekanntschaft, eingefangen an einem Lagerfeuer in Wildalpen, dran sein könnte, machte ich u.a. auch einen vegetarischen Kochkurs, um nur ja allen Anforderungen zu genügen. Na, ER war – und ist – eh Fleischfresser. Aber ich wollte halt rundum gschnuappa, kompatibel und interessant wirken.

Der Kurs war auch tatsächlich interessant. Ich machte in diesen Wochen viel aus verschiedensten Körndln. Es schmeckte auch. Wenn ich in die Stadt fuhr, traf ich immer die Vegetarische-Kochkurs-Lehrerin mit ihrem Mann oder Freund und beide wirkten so gesund und verliebt und hatten nur Augen füreinander, dass ich mir dachte, da bin ich schon auf dem richtigen Weg.

Im Kurs saß ich neben einem älteren, nein, eigentlich alten Herrn. Wir alle waren höchst aufmerksam und willig. Viele hatten ein Notizheft dabei, obwohl die Lehrerin sagte, das wäre nicht notwendig, sie würde am Ende der Stunde die Rezepte, die sie kopiert hatte, eh an uns verteilen. Aber wir, der alte Herr und ich, waren regelrechte Streber. Er vor allem. Er schrieb jedes Wort mit, jeden Beistrich, ich glaube vom großen Ganzen hat er nicht viel mitbekommen. Aber er bekam eh das Rezept mit.

Im Laufe des Kurses stellte sich heraus, dass ich ein Auto hatte, ich selbst wusste das eh schon länger, aber er nicht. Er musste immer mit dem Bus fahren. Abends, im Dunklen. November war‘s. Und dann auch noch Dezember. Und, es stellte sich heraus, dass er in meiner Richtung wohnhaft war. Also bot ich ihm eines Tages einen „ride“ an. Er nahm mit vor Rührung schimmernden Augen an, ganz sanft schaute er mir dabei ins Gesicht.

Als wir in Richtung Kärntner Straße fuhren und ich fragte, wo er denn aussteigen möchte, sagte er mir die Stelle genau an. Ich ließ ihn raus und er verschwand im Novembernebel. Später dann im Dezembernebel. Nach einigen Malen fragte ich ihn, wo genau er denn hier wohne, ich könne ihn doch auch bis zur Haustür bringen. Er sagte: In der Sigmund-Freud-Klinik.

Früher, als Studentinnen, sagten wir dazu respektlos „Puntigam links“. Da wusste dann jede/r Bescheid. Puntigam links wurde dann politisch korrekt umbenannt in Sigmund-Freud-Klinik. Weil das aber heute auch nicht mehr politisch korrekt genug ist, weil ja jeder weiß, was sich da abspielt, in so einer Freud-Anstalt, wurde Puntigam links alias Sigmund-Freud mittlerweile in Klinikum Graz-Süd umbenannt. Wer weiß, wie lange sich das jetzt hält. Nur Süd? Ist ja auch ganz schön diskriminierend. Was ist mit Ost, West und Nord? Und Nordnordwest? Ha?

Jedenfalls, er stieg da aus. Und als wir uns noch näher kamen im Laufe des gemeinsamen Backens von Roggenweckerln und Grünkernlaberln nahm ich mir ein Herz und fragte ihn: Warum Puntigam links? Wir waren, Gott sei Dank, schon bald “daheim”. Er sagte ganz sanft: Weil ich meine Mutter umbringen wollte. Ich fragte noch schnell: Wie? Er sagte noch sanft: Messer. Und stieg leise aus.

© 2020-11-13