Können Kühe schwimmen?

Beate Schiffmann

von Beate Schiffmann

Story

Am Ende des Dorfes, direkt an der Ostsee gelegen, wo die Steilküste zum Strand sich abflacht, befindet sich noch Weideland.

Dort wird im Mai, wenn das Gras hoch genug gewachsen ist, das Jungvieh von Bauer Lornsen hingetrieben.

Am neunten Mai holten also Willi Lornsen und sein Sohn Uli fünfzehn junge Rinder, auch Starken genannt, aus dem Stall, um sie auf die Ostseeweide zu treiben. Das war immer recht schwierig, da die Tiere wild umherrannten und sprangen, wenn sie aus dem Stall nach draußen in die Helligkeit kamen.

“Hö, los lauft!” schrie Uli und fuchtelte mit seinem Stock wild in der Luft herum. “Nicht so jagen, man ruhig!” rief sein Vater, “die laufen schon von alleine!“ So rannten und galoppierten sie den schmalen Knickweg hinunter Richtung Strand zur Weide, auf der die Tiere den Sommer verbringen sollten.

Das Heck stand bereits offen und die fünfzehn Starken liefen auf das grüne Grasland. Aber da trauten Willi und Uli ihren Augen nicht. Eines von den Tieren lief bis zum Stacheldrahtzaun, der die Grenze zum Strand zog, sprang mit einem mächtigen Satz darüber, lief über den steinigen Strand auf die Ostsee zu, sprang hinein und schwamm auf das Meer hinaus.

Als Willi Lornsen seine Sprache wieder fand, schrie er seinen Sohn an: „Das ist nur deine Schuld, du hast sie mit deinem Geschreie ganz verrückt gemacht! Los zurück zum Haus, ans Telefon, Fischer Knudsen soll mit seinem Motorboot hinterherfahren.“

Fischer Knudsen fuhr zwar mit seinem Boot los, aber in der kabbeligen See konnte die junge Kuh nicht gefunden werden.

Am nächsten Tag wurde das Tier tot in der Howachter Bucht angetrieben.

© Beate Schiffmann 2021-04-26