von nanne
Mein Kopf tanzt. Ständig. Manchmal Tango, manchmal Walzer, meistens im Takt, von Zeit zu Zeit auch nicht. Mein Kopf steht nie still. Oft bin ich dankbar, er arbeitet und Ideen sprudeln, er fordert und fördert mich, hin und wieder auch nicht. Hin und wieder will ich Ruhe, aufhören zu tanzen, wenn ich müde bin. Der Musik lauschen und anderen beim Tanzen zusehen.
Doch mein Kopf tanzt. Manchmal gemeinsam mit anderen, oft auch allein. Meistens dreh ich mich in die entgegengesetzte Richtung, stoße, remple, drehe mich weiter und verliere die Orientierung. Dann taumle ich, verliere den Überblick, über den Raum und manchmal auch über die Zeit. Und plötzlich finde ich mich wieder, auf der Tanzfläche, am Boden. Ans Tanzen nicht zu denken.
Mein Kopf ist leer. Tango und Walzer bereiten Schmerzen. Mein Kopf ist leer. Zu viel getanzt, auf zu vielen Hochzeiten, Partys, Veranstaltungen. Umgeben von zu vielen Themen, von zu viel Inspiration, von zu vielen selbst auferlegten Pflichten, von zu vielen Gefallen und zu vielen Gedanken. Umgeben von zu vielen Ängsten, von zu viel Zukunft, von zu vielen was-wäre-wenn, von zu vielen Ja’s und zu vielen Nein’s und von zu vielen Vielleicht‘s.
Kein Halt des Jetzt, des Moments, des in-sich-seins. Kaum Fokus, Konzentration fällt schwer. Am Boden damit voll, völlig leer zu sein. All die Arbeit, all die Müh, scheint verblasen nicht mehr existent. Alles sagt Stopp.
Auf der Tanzfläche verstreicht die Zeit. Langsam, ganz langsam beginnt mein Kopf die Musik wieder wahrzunehmen. Er spürt den Bass, der sich verbindet mit meinem Herzen. Sie schlagen im selben Rhythmus. Eine Herzensmelodie, nur gemeinsam komplett. Und plötzlich wacht er auf, wie der Frühling nach dem Winter. Sanft beginnt sich mein Kopf in der Melodie zu wiegen, die Umgebung wahrzunehmen.
Fröhlich leuchtende Farben umspielen den Raum, warme Sonnenstrahlen glänzen auf der Haut, frische Luft durchströmt den Körper und alles in mir, alles in meinem Kopf beginnt zu lächeln. Voller Energie und trotzdem entspannt. Neuer Datendrang und voller Fokus. Mein Kopf beginnt zu tanzen. Er bewegt sich genau zum Takt, nicht stürmisch, nicht reißerisch, er muss niemanden mehr von seinen Tanzkünsten überzeugen, er tanzt für sich. Denn er liebt es zu tanzen. Und er beginnt zu lernen. Er erkennt, nicht jeden Tanz perfekt zu beherrschen, hier und da ein Lied auszulassen, sich Zeit für Pausen zu nehmen. Er lernt, den Tanz zu beherrschen und sich nicht vom Tanz beherrschen zu lassen, über einen falschen Schritt hinwegzusehen, sich selbst mehr Humor zuzugestehen.
Das Leben nicht als Marsch, sondern als Tanz wahrzunehmen – und dieses mit all seinen Rhythmen, Geschwindigkeiten und Schritten mit Leidenschaft, Freude, Dankbarkeit und Liebe zu tanzen.
Mein Kopf tanzt.
© nanne 2021-02-01