Krampus in der Kindheit

Beederl

von Beederl

Story
Waldviertel

Sie waren furchteinflößend und wild, aber nicht so ausgeprägt schiach wie heutzutage. Wir wussten, dass wir uns entsetzlich erschrecken würden, trotzdem konnten wir nicht zuhause bleiben. Zu Beginn stand damals ein herzerwärmendes Erlebnis. Ich war ein Kleinkind und fuhr alljährlich mit meinen Eltern in die nahe Stadt, es war natürlich schon finster, und wir gingen ein Stück Richtung Hauptplatz. Dieser war gefüllt mit der wartenden Schar an Leuten – große und kleine. Der Platz hatte mehrere Einfahrtsstraßen, sodass wir von Jahr zu Jahr nicht wussten, woher sie kamen.

Mit lautem Getöse erschien aus der Finsternis das Feuerwehrauto – über und über mit Krampussen bestückt. Die echten Tierfelle ihrer Körper sahen grausig aus. Sie schwangen ihre Ruten, rasselten mit den schweren Ketten und konnten es gar nicht mehr erwarten, abzusteigen. Oh, der Herzschlag stieg – ich glaube, meine Eltern haben sich auch ein wenig gefürchtet. Die Meute ging auf die Menschenmenge los, die Ruten klatschten an den Stiefeln. Sie stoßen grausige Schreckschreie aus. Man konnte nicht sicher sein, von wo sie auftauchten, so unberechenbar waren sie. Meine Eltern beschützten mich – mit „sie ist eh ein braves Mädchen“ zogen sie weiter, suchten nach den schlimmen Buben.

Endlich bekam man den beeindruckenden Heiligen Nikolaus zu Gesicht! Begleitet von Knecht Ruprecht, der den Weg auf sanfte Weise freimachte. Der Nikolaus war ein großer, Ehrfurcht gebietender Mann – alles an ihm war perfekt. Er schritt von Kind zu Kind, übergab aus seiner Butte ein kleines, raschelndes Säckchen mit Nüssen und Mandarinen. Die wilde Horde war abgezogen und wir fuhren nach Hause, wo meine Mama das Garagentor öffnete: Mitten darin stand auf einem Tisch ein großes „Niklo-Häusl“ – welch eine Freude! Es war mit rotem Krepp-Papier umwickelt und allerlei Zuckerln, Nüsse und Schokokrampusse baumelten herab. Keiner konnte sich erklären, wie der Nikolaus das in so kurzer Zeit hierhin gestellt hatte…

Jedes Jahr erlebte ich dieses Schauspiel, immer wieder war es zum Fürchten. Erst viel später realisierten wir Jugendliche dann, dass hinter den wilden Gesellen unsere Fußballer steckten. Meine Kinder setzte ich später diese Schrecken nicht aus, es wurde alles sanfter. Einmal kam der Nikolaus zum Nachbarn, einmal zu uns nach Hause. Nur meine vierjährige Tochter meinte anschließend lapidar „aber der hatte Schuhe an wie der Thomas“… Viele Jahre später musste ich über den Perchtenkult und den entsprechenden Auftrieb eine Reportage schreiben, mich intensiv mit diesem Getümmel auseinandersetzen. Die Szene war beeindruckend, die Masken extrem ausgefeilt und hässlich, sodass man gar nicht hinschauen konnte! Der Feuerwagen spie Feuer und Funken, wurde von grausigen Gestalten mit riesigen Hörnern gezogen. Sie kamen uns gefährlich nahe. Begleitet wurden sie von weißen Engelsfiguren, die allerliebst hergerichtet waren und aus ihren goldenen Löckchen lächelten. Heute gehen meine Enkelkinder alljährlich ins Feuerwehrhaus, mein Schwiegersohn spielt Gitarre und die Kinder singen fleißig mit, wenn der Nikolaus hinein schreitet – die Kinder beteuern nach wie vor, dass sie eh brav waren. Foto: gutekueche.ch

© Beederl 2024-11-12

Buchkategorie
Biografien
Stimmung
Abenteuerlich, Herausfordernd, Emotional, Mysteriös
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