Lackdosen-Intoleranz

Bernd Schreiber

von Bernd Schreiber

Story

Mein Problem ist, dass ich oft nicht richtig hinhöre. Mein Gehirn meint dann: „Das macht nichts, mir macht’s nichts aus, ich mach‘ was draus.“ Und bastelt am Gehörten rum, bis es einen Sinn ergibt.

Als es im Radio hieß, dass immer mehr Menschen an Lackdosen-Intoleranz leiden, kam mir das zwar komisch vor, aber warum nicht, viele Farben enthalten Giftstoffe. Bis ich hörte, dass es sich um eine Milchunverträglichkeit, eine Lactose-Intoleranz handelt. Oha, dachte ich, DAS könnte es damals gewesen sein und mein Hirn bot mir auch hier die nachträgliche Korrektur an, dass der Sprecher vielleicht ein Sachse war, der von ‚Lackdose-Indoleranz‘ sprach.

Der älteste Fall einer Fehleinschätzung reicht bis in meine Kindheit zurück, wo die Angaben über die wöchentliche Ziehung der Lottozahlen immer ohne Gewehr erfolgten. Irgendwann nach der Richtigstellung meinten meine Eltern, warum ich nicht gefragt hätte. Warum sollte ich? Es gab keinen Grund, es passte. Die mussten mit dem Gewehr die ganze Woche über auf das Geld aufpassen, was am Sonnabend nicht mehr nötig war, da die Gewinner ihr Geld ja bekamen.

In der Zeit hörte ich auch Milchschüppe statt Müllschippe und konnte es wahrscheinlich wegen meines Berliner Dialektes einen Teil meines Lebens unerkannt sagen.

Nur als die Fa. Esso in einer Radiowerbung anbot, dass man an ihren Tankstellen auch eine ‚Tiger-Wäsche‘ durchführen könne, lehnte mein Gehirn weitere Überlegungen hierzu als unplausibel ab.

Apropos Tiger. Wenn deutsche und englische Begriffe ähnlich klingen, kommt‘s bei mir schon mal zur Sprachverwirrung. In dem Titelsong zu Rocky III sang irgendjemand über die Eier von irgendeinem Tiger. Okay, es ist halt ein Rocky-Film mit Sylvester Stallone, da geht’s schon deftig zu, aber ich fand’s unterhalb der Gürtellinie. Bis ich drauf kam, dass es um das ‚Eye of the Tiger‘ ging.

Überhaupt reicht bei englischen Songtexten mein Wille zum Verstehen nur bis zum Titel und Refrain, also die Teile, bei denen alle mitsingen können. Für Weiteres habe ich keine Lust mehr. Jahrelang ärgerte mich der blöde Titel eines berühmten Pop-Songs: ‚Lass mich nicht Frau Verstanden sein!‘ Bis ich das erste Mal las, dass der Hit von Santa Esmeralda ‚Don’t let me be misunderstood!‘ hieß. Gut, dass ich damals mit niemandem drüber gesprochen habe, heute steh‘ ich drüber.

Es gibt einen Fall, bei dem ich richtig hingehört habe, mein Gehirn es aber nicht in die Reihe bekommt. Es ist das Lied, bei dem Eric Clapton unumwunden zugibt, dass er den Sheriff erschossen hat, aber quasi als Entschuldigung anführt, dass er den Stellvertreter nicht erschossen hat: ‚I shot the sheriff, but I did not shoot the deputy‘. Was’n das? Wenn ich so ein Lied, z.B. über den Supermarkt von hier singen würde: „Ich erschoss den Filialleiter, aber ich habe nicht den Stellvertreter erschossen“, dann würde kein Schwein zuhören, aber Erich scheffelt Millionen mit seinem getöteten Sheriff. Habe ich mich verhört oder gehört sich das nicht?

© Bernd Schreiber 2023-02-26

Hashtags