Legendärer Lebenslauf

Jamal Tuschick

von Jamal Tuschick

Story
Die Philologin Persephone besteht in einer norddeutschen Kleinstadt mit großer Hanse-Vergangenheit erotische Abenteuer. Mit identifikatorischem Interesse analysiert sie Leben und Werk der Schriftstellerin Wanda von Sacher-Masoch.

Zunächst zeigt Aurora-Wanda von Sacher-Masoch kein Interesse an dem superreichen Grafen Ladislaus Koszielski, der wie ein anderer Kara Bin Nemsi auf Schloss Bertholdsstein residiert. Ladislaus stand im militärischen und diplomatischen Dienst eines Sultans und tritt nun selbst wie ein Sultan auf. Sein legendärer Lebenslauf gibt in der Steiermark Anlass zu Spekulationen. Aurora rivalisiert mit ihrer besten Freundin Anna-Catherine Strebinger, die Ladislaus bald zu ihren Eroberungen zählt. Nun will auch Aurora mitspielen.

„Mir soll Sefer Pascha nicht entgehen.“

Aurora reist mit ihrer „unfehlbaren“ Hermelinsamtjacke an.

„Die Jacke würde ihre Schuldigkeit tun.“ 

Aurora und Anna dinieren allein mit dem polnischen Pascha. Er hat einen ganzen Abend für den Besuch freigeschaufelt. Er bemüht sich um Aurora mehr als um Anna, die cool bleibt.

„Auf mich schaute sie freundlich und lieb, auf den Pascha spöttisch, und wenn ich je glaubte, dass sie mir gut sei, so war es in diesem Augenblick. Am nächsten Tag kreuzt Leopold von Sacher-Masoch auf. Der Schlossherr zieht den Stargast zum Begrüßungsplausch auf den Paradeplatz unter eine Linde. Gastgeber und Gast stammen nach aktuellen Geografie-Begriffen aus Polen. Heute wäre Leopold Ukrainer. Doch im Jetzt von Damals haben Ladislaus und Leopold eine gemeinsame Heimat. Während die Männer aneinander Maß nehmen, erkunden Aurora und Anna das Gelände. Sie besteigen den Schlossberg und genießen eine Aussicht auf Schloss Trauttmansdorff. Der Namenspatron Herrand von Trautmansdorf begründete die steierische Linie der Ministerialen-Dynastie im frühen 14. Jahrhundert. Zu seiner Zeit stand an der Stelle des Schlosses die Burg Neu-Gleichenberg der Herren von Walsee. Die Territorialfürsten hatten kurz zuvor beinah an Ort und Stelle ein Fort der Herren von Wildon übernommen. Die Riegerburg aka Burg Alt-Gleichenberg stand auf der linken Bergrückenseite des Klausenbachs. Die Walseer kamen den Herren von Wildon nach. Das Geschlecht hatte zunächst dem böhmischen König gedient. Die Wildoner zählten zu den Verlierern bei der Niederschlagung der steirischen Adelsverschwörung von 1268. Nach dem Strafverlust ihrer wirtschaftlichen Basis schlugen sie sich auf die Seite von Rudolf von Habsburg (1218 -1291). Im Verlauf immer neuer Fehden mussten die Wildoner dann die Burg Alt-Gleichenberg schon als geschliffenes Bollwerk an die Walseer abtreten. Die neuen Territorialfürsten bauten ihr eigenes Fort ab 1312 am rechten Klausenbachufer. In den folgenden Jahrhunderten ergab sich eine Transformation der Trutz- und Wehrarchitektur zum schieren Repräsentations- und Prachtbau. Dies vollzog sich von 1581 bis 1945 durchgängig in der Regie der Gräfinnen und Grafen Trauttmansdorff.

Anna und das Ehepaar Sacher-Masoch reisen in bester Stimmung ab. Sefer Pascha bringt den Besuch zur Bahn und verspricht, bald in Graz Hof zu halten. Dann will er Leopold mit Agenor Maria Adam Graf Gołuchowski bekannt machen.

© Jamal Tuschick 2024-08-02

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich