Liebe

Zoe Roell

von Zoe Roell

Story
Österreich, Rauriser Tal

Ich liebte Adam. Ich liebte ihn mehr als jeden anderen Menschen dieser Welt. Ich liebte ihn mehr als man einen normalen Freund liebt und auch mehr als man einen Geliebten liebt. Ich liebte ihn für seine Worte und für sein Schweigen. Ich liebte ihn für jede Berührung und jeden Abstand den er mir gab. Jede Nähe und jeden Augenkontakt liebte ich an ihm. Ich liebte seine Lache und sein Lächeln. Wie sehr schätzte ich jeden Abend, an dem ich mit ihm am Fenster saß. Jedes Mal, dass er meinen Namen sagte, wage ich nie zu vergessen. Jeden Morgen, an dem er mich zur Begrüßung in den Arm nahm, bleibt für immer in meiner Erinnerung.

Doch wieso liebe ich in so sehr? Wir waren nur Nachbarn, nur Freunde, nur Jugendliche, nur zwei Jungs ohne eine liebende Familie, ohne einen großen Freundeskreis, ohne Selbstwertgefühl und ohne Glauben an das Leben. Er schenkte mir mein Lächeln zurück, als ich glaubte, es verloren zu haben. Er hielt mir den Spiegel, wenn ich mich nicht selbst ansehen konnte. Er hielt mich, wenn ich nicht laufen konnte vor Erschöpfung.

Er erzählte mir wie leer er ohne mich war, wie sehr er mich vermisste, wenn ich mich verlor, wie sehr er um mich bangte, als ich mit Mika zusammen war, wie sehr er sich freute über meine Briefe, wie sehr er hoffte mich wieder glücklich zu sehen, als ich meine Diagnosen bekommen hatte, wie sehr er mir vertraute als ich ihm sagte, dass Lukas nicht der wirkliche war, wie lange er auf mich wartete, wenn ich nicht das Fenster öffnete, um mit ihm zu rauchen und wie sehr er mich liebte, als ich ihm zeigte, wer ich wirklich war.

Er zeigte mir wo ich zu Hause war, wo ich sicher war, wo ich geliebt wurde, wo ich geschätzt wurde, wo ich verstanden wurde, wo ich mich fallen lassen konnte. In seinen Armen, nur in seinen auf meinem alten Dielenboden, in meinem kleinen Zimmer im Dachgeschoss, vor meinem großen Spiegelschrank. Oft saß ich mit ihm davor und lehnte mich an ihn.

Sein langes welliges Haar zwischen den Fingern und gedankenverloren betrachtend. Er wühlte mir ebenfalls im Haar herum und sagte mir wie sehr er mich um mein blondes Haar beneidete. Dabei fand ich sein rücken-langes dunkelbraunes Haar immer am schönsten. Seine reine Haut und flache Brust. Wie sehr ich in doch beneidete und doch würde ich die Chance haben unsere Körper zu tauschen, so würde ich ihm dies nicht antun.

Vielleicht waren wir nur Nachbarn, nur Freunde, nur Jugendliche, doch wir liebten uns und das machte es besonders. Nie sehnte ich mich nach mehr oder weniger. Nie beklagte ich Unwohlsein in seiner Nähe oder glaubte ihm nicht zu trauen. Es war eine bedingungslose Freundschaft und eine bedingungslose Liebe. Eine liebende Freundschaft oder eine freundschaftliche Liebe, die bis ans Ende meines Lebens in meinem Herzen den größten Platz hat. Denn ich liebte und liebe Adam und ich weiß, er liebte und liebt mich ebenso. Mich Louis oder Lou wie mich alle nannten, einen Jungen der kein Junge war.

© Zoe Roell 2023-07-08

Genres
Romane & Erzählungen, Anthologien
Stimmung
Emotional, Reflektierend
Hashtags