von Anja Lechler
An die Person, die gegangen ist:
Ich will oft nicht mehr leben. Es ist nicht deine Schuld, aber es ist auch nicht meine. Manchmal fehlst du mir so sehr, dass ich glaube, zu ersticken. Gleichzeitig habe ich vergessen, wie deine Stimme klingt. Ist das nicht seltsam?
Ich glaube, ich habe dir noch nie erzählt, dass ich vor unserem ersten Date beinahe kalte Füße bekommen hätte. Ich weiß noch, wie ich am vereinbarten Treffpunkt stand. Es war kühl, aber sonnig, der Frost wich langsam dem Frühling. Ich war ausgezehrt und schwach, in der schlimmsten Phase meiner Magersucht. Und ich weiß noch, dass ich wie schon oft in meinem Leben den Drang verspürte, einfach wegzulaufen, zu rennen, rennen, rennen, bis ich in Sicherheit war vor irgendwas. Dass ich resigniert und fast schon unmutig war, mir dachte, das wird eh wieder reine Zeitverschwendung und, das wievielte Tinder-Date ist das jetzt? Aber ich blieb. Kurz darauf sah ich dich zum ersten Mal, und mein Herz machte einen kleinen Hüpfer, mein Fluchtinstinkt wich einer milden Überraschung, einem gedachten „Oh!“ Ja, manchmal denke ich an dieses erste Treffen, als alles so frisch und unberührt war: ein Spaziergang, ein Essen gehen, ein leichtes Geplauder, aus dem eine stundenlange Unterhaltung wurde.
Und ich denke daran zurück und wünschte, ich hätte meinem Impuls nachgegeben und wäre gegangen. Hätte das Treffen abgesagt und die leichten Gewissensbisse in Kauf genommen, die mich überkommen hätten. Ich wünschte, ich hätte nie gewusst, was für ein Mensch mir da soeben entgangen war, und dass es die Liebe meines Lebens war, die ich da einfach habe ziehen lassen. Wenn ich in der Zeit zurückreisen könnte, würde ich zu mir selbst auf die Brücke laufen, mich an den Schultern rütteln und mich anschreien. Ich würde mich mit mir zerren, weg von dir, so weit weg, wie ich nur könnte. So wäre ich nie neben dir eingeschlafen oder friedlich in deinen Armen gelegen. Ich hätte nie deine Hand gehalten, nie dein Lachen gehört, nie deine Tränen gesehen. Ich hätte dich nie so sehr geliebt, dass es meinen Verstand übersteigen würde. Es gab so viele Stunden, in denen ich mich verzweifelt danach gesehnt habe, dich noch ein Mal sehen zu dürfen, nur ein einziges Mal. Dich noch ein einziges Mal umarmen zu können und ein letztes Mal ein Lächeln von dir geschenkt zu bekommen. Aber was ich mir noch stärker gewünscht habe, war, dir nie begegnet zu sein, weil der Schmerz, dich zu verlieren, so unerträglich war. Wenn ich also in der Zeit zurückreisen könnte, dann würde ich zu mir auf die Brücke laufen, scheiße, nein, ich würde mich noch an der Haustür abfangen, und ich würde mich zurück in mein Zimmer schieben und mich anschreien, diesen einen Fehler nicht zu begehen. Und dann, dann würde ich mir endlich etwas zu essen geben und mich in eine Decke wickeln. Ich würde mich umarmen, und ich würde mich halten, während die Tränen liefen, und ich würde mich nie-, niemals wieder allein lassen.
Ich würde mich nie wieder so sehr im Stich lassen
wie du.
© Anja Lechler 2022-08-28