Liebesfeuer

Alina Münzner

von Alina Münzner

Story

Mein persönlich liebstes metaphorisches Bild von Liebe ist Feuer. 

Aufgewachsen in einem kleinen Dorf mitten im Wald heizten wir das ganze Haus, seit ich denken kann, mit einem Holzofen. Mein Vater hat mich schon früh gelehrt, wie durch die kleinen Öffnungen ein stabiles Feuer entzündet werden kann. Unten befindet sich die kleine Luke, durch die das Feuer Luft bekommt. Wenn Feuer keine Luft bekommt, erstickt es und geht aus. Ansonsten ist es wichtig klein anzufangen. Zeitungspapier zusammen knüllen, am besten so, dass in der Luke ein kleiner Zipfel rausschaut. Dann oben drauf ein bisschen zerkleinerte Pappe, getrocknete Zapfen aus dem Wald und dann kleinere Stöckchen. Wenn dann noch Platz ist, kann man auch schon größere Stöcke stapeln. Die obere Klappe offen lassen und den Zipfel unten anzünden. Daumen drücken, dass alles miteinander gut genug verbunden ist – fest, aber nicht zu fest. Wenn es dann langsam anfängt zu knistern, haben sich die Zapfen entzündet. Als Nächstes ein Knacken hier und da – die Stöcke haben begonnen Feuer zu fangen. Nun sollten schleunigst größere Scheite aufgelegt werden, damit das Feuerchen noch genug Kraft hat und nicht direkt aus geht. Am besten nimmt man dafür weiches Holz, das an der einen oder anderen Stelle eingekerbt ist. Da greifen die Flammen besser. Weiches Holz brennt leicht aber nicht lange. Es entwickelt sich eine angenehme Wärme. Um möglichst lang und heiß zu brennen, benötigt man Hartholz wie Buche oder Birke. Ich kann mich an eine Situation erinnern, wo ich als junges Mädchen schlau und vorausschauend handeln wollte und ganz viele Buchenscheite aufgelegt habe, damit ich nicht so oft nachlegen muss und möglichst lang entspannen kann. Das ging nach hinten los, denn der Ofen wurde zu heiß und der Wasserkessel kochte über.

Was ich bei einem Lagerfeuer ganz besonders liebe ist die Glut, wenn der Abend eigentlich schon dem Ende zu geht. Dieses Flimmern und die angenehme Hitze, die sie ausstrahlt, haben ihren ganz eigenen Zauber inne.

Rückblickend weiß ich, dass es sich ganz ähnlich anfühlt, wenn man sich entscheidet, ein Liebesfeuer zu entfachen. Am Anfang geht man kleine Schritte. Alles baut aufeinander auf. Man lernt sich kennen, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Irgendwann springt der erste Funke über. Alles entflammt. Man verliebt sich. Es fällt leicht, die ersten Anzeichen zu spüren, wann es knistert und knackt. Man legt noch mehr drauf. Geht immer weiter. Man lernt größere Stücke des Gegenübers kennen. Erstmal die leichteren Brocken, die leicht zu entflammen sind und dann irgendwann auch das richtig schwere Zeug. Das Hartholz. Aber nur in kleinen Maßen, sonst kocht der Kessel über und das Liebesfeuer erlischt.

Der Zauber der Glut. Wenn das Liebesfeuer schon erloschen ist, man aber noch die Wärme des Anderen verspürt. Gibt es noch Hoffnung? Kann ein frischer Wind das Feuer neu entfachen? Doch woher soll das frische, neue Holz kommen und woher der Wind?

© Alina Münzner 2023-08-02

Genres
Romane & Erzählungen, Anthologien
Stimmung
Emotional, Inspirierend, Reflektierend