Lippenstift & Lidschatten / Glücklicher Lärm

von Cosmo Bo

Mein Blick streift das Regalbrett, von dem aus mir Nagellack und Rouge, Lippenstift und Lidschatten zulächeln. Wie jeden Morgen stehe ich im Bad und wie jeden Morgen rühre ich nichts davon an. Weil ich kein Mädchen bin. Weil nichts davon mir gehört. Trotzdem fühlt es sich an, als würde ich so einen Teil von mir verstecken. Den kleinen Jungen, der bunte Röcke spannender fand als nur eintönige, dunkle Hosen. Doch es ist besser, dass ich damit aufgehört habe. So steche ich weniger heraus, bin weniger eine Zielscheibe für Spott. Ich musste lernen, mich anzupassen, bin ein Meister darin geworden.
Ich drehe den Hahn auf und spritze mir Wasser ins Gesicht, wasche die gröbste Müdigkeit ab. Seufzend betrachte ich die traurige Gestalt im schwarzen Hoodie, die mir aus dem Spiegel entgegenblickt.
„Joel? Joel, du musst los!“, höre ich Jacob aus der Küche. Er ist ein Mitbewohner von mir.
Ich fahre mir noch einmal mit der Hand durch die Haare, verlasse schließlich das Bad und steuere auf die Wohnungstür zu, wo bereits mein Rucksack steht. Während ich mir im Flur die Schuhe anziehe, kommt Jacob dazu und hält mir kommentarlos eine Brotdose vor die Nase.
„Danke, du bist wirklich der Beste“, sage ich, als ich sie entgegennehme und einpacke.
„Weiß ich doch“, antwortet er nur grinsend. „Außerdem will ich nicht, dass du verhungerst und einer weniger hier Miete zahlt. Ist purer Eigennutz.“

Ich nehme den mir inzwischen so bekannten Weg zur Schule. Auf der Oberbaumbrücke halte ich kurz inne, um die in der Sonne glitzernde Spree zu bewundern. Als ich mein Fahrrad vor der Schule abstelle, bin ich irgendwie aufgeregt. Warum? Es ist zwar der erste Schultag nach den Sommerferien, aber ich gehe jetzt in die Oberstufe und bin kein kleines Kind mehr. Wenn dieses Schuljahr wie das letzte verläuft, bringe ich es am besten einfach so schnell wie möglich hinter mich.
Allein stehe ich schließlich in einer Ecke des Schulhofs, mit Kopfhörern, die ich auf volle Lautstärke gestellt habe, weil ich diesen glücklichen Lärm der anderen nicht ertrage.

Nach einer Weile des Beobachtens fällt mir ein Typ auf, den ich hier noch nie gesehen habe. Seine kurzen Haare sind lila gefärbt und er trägt ein bunt gemustertes Hemd; bei diesem auffälligen Stil würde ich ihn eigentlich wiedererkennen. Ist er neu an der Schule? Er sieht sich sowohl neugierig als auch überfordert um, findet offenbar genau wie ich keine Gruppe, zu der er sich stellen kann.
Einen Moment überlege ich, ob ich ihn ansprechen soll, verwerfe diesen Gedanken aber. Sicher kann er gut auf mich verzichten, fände mich nur seltsam.
Während ich nachdenke, starre ich den Typen wohl an und schließlich begegnet er meinem Blick. Ich wende mich ab, damit die Situation nicht noch unangenehmer wird, bewirke aber vielleicht auch genau das Gegenteil.
Als es klingelt, strömt ein riesiger Schwarm auf die Türen der Schule zu, dem ich mich anschließe, um nicht gleich in der ersten Stunde zu spät zu kommen. Meine Angst, zerquetscht zu werden, verdrängt den Neuen aus meinen Gedanken und ich versinke ab der ersten Stunde im Stress, den die Schule und vor allem Menschen mit sich bringen.