von HelgaLombardi
Publikum zu haben, besitzt nicht selten einen unerwarteten Einfluss auf das menschliche Verhalten. Ein Zusammenhang, den ich in letzter Zeit vermehrt in unserem Shop beobachten durfte. Nicht zuletzt auch an mir selbst.
Ich sage z. B. – mit vernehmbarer Stimme – etwas in Richtung Kunde A, verbunden mit der Absicht, dass der parallel anwesende Kunde B es ebenfalls hört. Im Grunde ist die Information indirekt sogar primär für ihn (= B) bestimmt. Über Bande spielen, nennt man das beim Snooker. Raum bietend für facettenreich-neckische Spielchen mit Unterhaltungseffekt. Vor allem, wenn ein Mann und eine Frau mit von der Partie sind, die Sympathie füreinander empfinden … 😉
Zu unserem Shop-Team gehört eine portugiesische Kollegin im Rentenalter, die Jahrzehnte lang als „Frontfrau“ einer örtlichen Kfz.-Werkstatt gearbeitet hat. Sie schmiss den Laden = den Empfang, das Büro, die Buchhaltung. Paula (Name geändert) spricht sehr gutes Englisch und ist allgemein beliebt. Auch mein damaliger schottischer Freund und ich waren Kunden der Werkstatt und mochten den netten Plausch mit Paula. Immer freundlich und hilfsbereit. Nach ihrer Pensionierung fiel ihr zu Hause die Decke auf den Kopf, und sie bewarb sich als Volunteer bei uns im Charity-Shop, zu dessen Kunden sie seit langem gehörte. Glück für uns, denn in einem Shop, der in Portugal seinen Sitz hat, muss mindestens einer der anwesenden Kollegen des Portugiesischen mächtig sein. Unsere Charity selbst ist britischen Ursprungs und befindet sich unter ebensolcher Leitung.
Paula kennt Gott und die Welt und Gott und die Welt kennt Paula. Nun kommen wir auf jene Kundinnen zu sprechen, die bei uns Volunteers (u. a. aus GB, NL, D stammend) nicht sonderlich beliebt sind, weil sie z. B. regelmäßig versuchen, uns zu veräppeln. Dabei geht es meistens um kleinere Schwindeleien oder gut gespielte Empörung im Zusammenhang mit den (eh schon niedrigen) Preisen der angebotenen Ware.
Dieselben Amazonen veranstalten dann bei Ankunft im Shop einen Riesen-Wirbel um und mit Paula. Lange Umarmungen, Wangen-Küsschen, süßliches, endloses Bla-Bla. „Wie geht es Dir? Tudo bem?“ Usw. Usf. Und schauen dabei parallel in meine Richtung = im Sinne von = schau mal, wie beliebt ich bin und wie gut ich mit Paula kann! Inkl. der Botschaft: „Ich bin eine von den Guten“ und entferne keine Preistickets von der Ware oder behaupte, der von mir ausgewählte Artikel auf der Theke stamme angeblich vom € 1-Ständer draußen vor der Tür. Denn genau das tun diese Ladys gerne und oft.
Nützen tut dieses aufwendige Theater am Ende nichts und niemandem. Sondern sie machen die Sache im Grunde nur noch offensichtlicher bzw. peinlicher. Wen wollen sie eigentlich zum Narren halten? Uns oder sich selbst? Zumal ich mich bemühe, ihr Getue mit einem inneren Kopfschütteln zu ignorieren und mich stattdessen auf meine eigentliche Arbeit konzentriere. Denn = nicht nur sie können schauspielern, sondern auch meine Wenigkeit entwickelt bei Bedarf das erforderliche Potenzial. Wobei ich meine Rolle in dieser Aufführung als den klar amüsanteren Part empfinde … 😉
Morgen geht’s wieder zur Vor- und Nachmittagsschicht (11-15 Uhr) in den Shop. Denn = The show must go on! … 😉
© HelgaLombardi 2025-10-09