von Mariela Samstag
In wenigen Tagen würde Kardoula Island eröffnet. Die nächsten Monate war es ausgebucht. Jörg hatte den acht Jahre langen Umbau geleitet. Er stieg aus der Dusche, fuhr sich mit dem Handtuch über Gesicht und Haare und schaute in den Spiegel.
„Herausforderung“, hatte seine Frau das Bauprojekt genannt, als sie erfuhr, dass er eine 1850 erbaute Festung auf einer kleinen griechischen Insel modernisieren sollte.
„Bleibendes Zeugnis“, hatte der UN-Generalsekräter in seinem Brief an Jörgs Baufirma geschrieben, und gebeten, die Festung nicht anzurühren.
„Erleichterung“ hatte die griechische Rezeptionistin ihren künftigen Job genannt, die Jörg bei einem Meeting kennengelernt hatte und gerne in Bluse und kurzem Rock wiedersehen würde.
„Kulturelles Erbe der Menschheit“, hatte jemand in die Kamera gesprochen, von der Jörg nicht wusste, ob sie einem lokalen Sender gehörte oder für die Dokumentation fürs Filmfestival Athen drehte.
„Einzigartige Möglichkeit“, hatte ein junger Grieche gelobt, nachdem er Jörg von seinen jugendlichen Ausflügen zur Insel und seinem ersten Kuss dort erzählt hatte.
„Pietätlos“, hatten Demonstrant*innen vor dem Rathaus gerufen, als erste Gerüchte um den Verkauf der Insel ihren Weg auf die Dorfplätze und in die Häuser gefunden hatten.
„Verantwortungslos“, hatten Einwohner*innen gerufen, als der Bürgermeister nach der Vertragsunterzeichnung das Rathaus verließ und draußen mehr Tourismus und Wohlstand versprach.
„3500 Euro“, hatte der Hotelbesitzer Jörg geantwortet, der sich vor Fertigstellung nach dem Preis für eine Nacht im von ihm geschaffenen Urlaubsparadies erkundigt hatte.
„Babás Folterkammer“, hatte Eftichias Vater geflüstert, als er zum ersten Mal von der Verpachtung und den Umbauplänen erfuhr. Das hatte Jörg nicht gehört.
Er wusste nicht von Anfang an, was auf Kardoula während des Zweiten Weltkriegs Schreckliches geschehen war. Erst im Gespräch mit den Einheimischen erfuhr er davon. „Ein Ort des Leidens als Ort der Erholung?“, hatte Jörg den Pächter gefragt. Zu Jörgs Erstaunen wusste dieser sehr wohl Bescheid: „Die Kritiker sehen nur die Vergangenheit und nicht die Zukunft, die wir hier schaffen“. Alternativen räumte er aus dem Weg. Die Ruine verfallen lassen? Ein Mahnmal daraus machen? Das wäre vielleicht der einfachste Weg gewesen, aber sicher nicht der beste. Die Insel sollte ein Ort der Freude werden – möglichst profitabel. Jörg war sich der Verantwortung bewusst, die Geschichte nicht zu verdrängen, aber nach dem Gespräch mit dem Pächter fragte er sich, ob es nicht genug war, die Vergangenheit nicht ganz zu vergessen. Schließlich konnte man nicht ewig in den Schatten leben.
Und so hatte er den Umbau vollendet, die Schatten mit Glanz und Glamour überdeckt.
© Mariela Samstag 2024-07-17