Der Anblick des verängstigten Jungen nahm Lyriels Angriffslust jeden Wind aus den Segeln.
Sie hatte mit einem Kampf gerechnet, mit einem Duell der Tricks und Klingen. Stattdessen stand ihr ein Kind gegenüber, das in ein Spiel geraten war, das mehrere Nummern zu groß für es war. Sie senkte ihre leicht angespannte Haltung, verschränkte aber die Arme vor der Brust.
»Du hast ein ziemliches Chaos da oben angerichtet«, sagte sie, ihre Stimme war nun weniger bedrohlich als feststellend. »Und du hast mir mein Diebesgut gestohlen. Das nehme ich persönlich.«
Der Junge schluckte schwer, die Angst in seinen Augen wich einem Anflug von verzweifelter Entschlossenheit. »Ich musste!«, stieß er hervor. »Sie haben gesagt, sie würden … sie würden meiner Familie etwas antun.« Er hielt ihr das Amulett entgegen, als wäre es eine giftige Schlange. »Ich sollte es nur holen. Für sie.«
»Für wen?«, fragte Lyriel, während sie langsam näher trat.
»Ich weiß es nicht!«, flüsterte der Junge. »Nur eine Nachricht, ein Treffpunkt. Sie wussten von meinen … Fähigkeiten.« Er deutete auf die mechanischen Teile, die im Raum verstreut lagen. »Ich kann Dinge reparieren, verstehen, wie sie funktionieren. Sie sagten, wenn ich das Amulett nicht beschaffe, würden sie meinen Vater als Betrüger brandmarken. Er ist Uhrmacher.«
Erpressung. Das passte ins Bild. Das erklärte den Amateurcharakter der ganzen Operation.
»Und was ist so besonders an diesem Ding?«, fragte Lyriel und nahm das Amulett vorsichtig an sich. Es fühlte sich schwerer an, als es aussah.
Der Junge schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung.« Seine Finger, geübt im Umgang mit feinen Mechanismen, zitterten leicht, als er auf eine der filigranen Silberranken am Rand des Saphirs zeigte. »Dort. Es ist eine winzige Konstruktion. Fast unsichtbar.«
Lyriel kniff die Augen zusammen. Sie drehte das Amulett ins Licht der Öllampe und erkannte, was der Junge meinte. Eines der silbernen Blätter war nicht massiv. Es war ein winziger, beweglicher Verschluss, nicht größer als ein Stecknadelkopf.
Mit der Spitze ihres Dietrichs hebelte sie ihn vorsichtig auf. Darunter kam ein winziges, hohles Fach zum Vorschein. Darin lag ein eng zusammengerolltes Stückchen Pergament.
Lyriel entfaltete es. Es war keine geheime Botschaft, sondern eine Art technischer Bauplan, eine Miniaturzeichnung einer komplexen Apparatur. Darunter standen Zahlen und Notizen.
Das war kein einfaches Erbstück. Das war ein Druckmittel. Ein Geheimnis, das jemand um jeden Preis bewahren oder enthüllen wollte.
»Verdammt, Valerius«, fluchte Lyriel. Die adligen Problemchen wurden immer größer.
© Kreative-Schreibwelt 2026-04-24