Sie blickte auf, um dem Jungen zu sagen, dass er in noch größeren Schwierigkeiten steckte, als er dachte, doch in diesem Moment verdunkelte sich der Eingang zum Raum.
Mehrere Gestalten traten aus dem Schatten des Ganges. Ihre roten Masken schienen im flackernden Licht der Lampe zu glühen.
Der Hüne mit den schwarzen Federn, trat vor. Sein Blick fiel auf das Amulett in Lyriels Hand, dann auf den Jungen.
»Zwei zum Preis von einem«, sagte er mit einer Stimme, die wie das Schaben von Metall auf Stein klang. »Wie praktisch.«
Bevor Lyriel reagieren konnte, stürmten seine Männer vor.
Sie wich zwar zurück, doch der Raum bot keine Fluchtmöglichkeit. Einer der Männer packte den Jungen, während zwei weitere Lyriel umzingelten. Sie wehrte sich, aber die Übermacht war zu groß. Ein harter Griff, ein Ruck, und das Amulett wurde ihr abermals aus der Hand gerissen.
Die Rotmasken hatten sich zurückgeholt, was sie wohl als ihr Eigentum betrachteten – und hatten nun zusätzlich zwei Geisel.
—
Lyriel fand sich schneller wieder im Ballsaal wieder, als ihr lieb war.
Die Rotmasken hatten sie nicht gefesselt oder eingesperrt. Sie hatten ihr das Amulett abgenommen, sie mit einem unmissverständlichen Blick gewarnt, ihnen nicht zu folgen, und waren mit dem Jungen als Geisel in den Tiefen der Gänge Richtung Gemächer verschwunden. Sie einfach zurückzulassen, war eine Demütigung, die mehr wog als jede Fessel. Es war eine Botschaft: Du bist für uns keine Bedrohung. Das brachte Lyriels Blut zum Kochen. Es ging nicht mehr nur um den Auftrag oder das Gold. Es ging ums Prinzip.
Sie trat hinter einem Wandteppich hervor, ordnete ihr Kleid und versuchte, ihre Wut hinter der kühlen Fassade ihrer Eulenmaske zu verbergen. Ihr Blick suchte den Raum ab. Sie brauchte Hilfe. Eine seltene und unangenehme Erkenntnis. Allein war sie gegen die organisierte Brutalität der Rotmasken chancenlos.
Ihre Augen fanden zuerst die Rivalin. Die Fuchsmaske stand immer noch wie angewurzelt da, wo Lyriel sie zurückgelassen hatte, und starrte auf den Vorhang, hinter dem Lyriel verschwunden war. Ihre Haltung strahlte puren Frust aus.
Ein paar Meter weiter, in der Nähe des Buffets, hatte Lyriel das Amateurduo wiederentdeckt. Sie hatten sich mit Pasteten und Törtchen vollgestopft, wahrscheinlich aus reiner Nervosität. Ihre Gesichter waren blass, und sie sahen aus, als würden sie jeden Moment die Flucht ergreifen. Perfekt. Drei Parteien, die alle versagt hatten. Die ideale Basis für eine Verzweiflungstat.
Lyriel ging zuerst zu der Rivalin. »Sie haben es«, sagte sie ohne Umschweife. »Und den Jungen, der es zuletzt hatte, gleich mit.«
© Kreative-Schreibwelt 2026-05-08