Märchenland Bad Goisern I

Sabine Almhofer

von Sabine Almhofer

Story
Bad Goisern 2025

Ein schiefer Blick auf die Uhr mit zusammengekniffenen Augen zeigt 09:00 Uhr. Es dauert eine Weile, bis der Befehl vom Gehirn die Beine erreicht: „Achtung! Morgenmuffel munter! Körpergerüst tragen!“ Von Bob ist keine allzu große Eile zu erwarten. Aus der rechten Ecke des Raumes vernehme ich ein leises Schnarchen. Es wundert mich nicht, dass Bob noch tiefenentspannt ist, sind wir doch gestern zu sehr später Stunde noch zu einem idyllischen Spaziergang aufgebrochen. Zu gerne hätte ich mich auf den Rücken in die Wiese gelegt, um den hell leuchtenden Sternenhimmel zu betrachten und darin zu versinken – wäre es nicht bitterkalt gewesen und hätte ich nicht Angst gehabt, dass mein Popo in der Wiese anfrieren könnte. Deshalb habe ich mich mit ein paar staunenden Blicken gen Himmel zufriedengegeben und den Schnee unter meinen Stiefeln knirschen lassen.

Ein Schlückchen Kaffee für mich sollte also auch in Bob’s Interesse sein. Welcher Hund möchte denn mit einem Frauli unterwegs sein, das bei jedem Schritt fast umkippt, weil der Gleichgewichtssinn noch in der Kaffeekanne schlummert? Der Toaster macht das harte Brot vom Dienstag nur bedingt verträglicher, aber für NICHT-Gourmets übertönt es das aufkommende Knurren professionell durch einen harten Plumps in den Magen. Auch Bob kommt langsam in die Gänge und ist in Spiellaune. Ein Schritt auf den Balkon bestätigt einen klaren eiskalten Tag. Bob, ich beneide dich um dein Fellkleid. Du bist immer passend angezogen.

Dass es mir zugutekommen würde, als Hund inkarniert zu sein, zeigt sich bereits eine halbe Stunde später. „EIGENTLICH“ wären wir innerhalb dieser halben Stunde schon wieder zurück, aber wer möchte denn diese verschneite Märchenlandschaft verlassen, um in die Realität zurückzukehren? Die Sonne lacht vom dunkelblauen Himmel und obwohl es im Schatten bitterkalt ist, besteht auch ohne Grödel nur eine minimale Gefahr bergauf auszurutschen. Mit jedem neuen Schritt geht ein Teil der Schwere, die sich in den letzten Tagen und Wochen in mir aufgebaut hat, und ich kann bald nicht mehr verstehen, was genau mich gestresst hat. Ich spüre die warmen Sonnenstrahlen im Gesicht und bereue es, kein Hund zu sein. Die dicke Haube lässt meinen Kopf glühen und durch die Kombination aus Rollkragenpullover, Fleecejacke und dicke Winterjacke bräuchte ich auch keine Angst vor der Kälte haben, wenn ich auf einer Eisscholle in der Antarktis treiben würde. Tatsächlich wandern Bob und ich in Bad Goisern auf halb-neuen Pfaden der Sonne entgegen. Ich möchte am liebsten ALLE Sonnenstrahlen einfangen und nach Linz entführen, um die langen deprimierenden Nebelzeiten zu überbrücken.

Bob, der ursprünglich aus Griechenland kommt und Schnee erst in Österreich kennen- und lieben gelernt hat, gibt ein Tempo vor, bei dem ich bergauf nach Luft schnappen muss, um mitzuhalten, bis wir schließlich an einer Stelle landen, wo der Weg sich in schneefreien Asphalt entwickelt, den wir noch nie gegangen sind. Ich bin neugierig, wo der Weg hinführt, aber Bob lässt stur den Hunde-Opi heraushängen und bewegt sich keinen Zentimeter mehr weiter.

© Sabine Almhofer 2025-12-12

Buchkategorie
Humor& Satire
Stimmung
Abenteuerlich, Komisch, Inspirierend, Unbeschwert
Hashtags