von SusiPorter
Die Maria Oma wohnte früher in einer Wohnung im Vierer-Haus.
Als das Haus renoviert wurde, musste sie ausziehen. Ab da wohnte sie bei der Oma. Heute weiß ich, der Opa war ihr Sohn, damals kamen mir aber alle irgendwie gleich alt vor.
An ihre Kekse, die Spitzbuben, muss ich heute noch oft denken. Dünn, steinhart, aber lecker.
Sie hatte oben ein Zimmer, mit Bett, Tisch, Ofen und einer kleinen Küche. In dem Zimmer schreibe ich das gerade, obwohl es gar nicht mehr dieses Zimmer ist.
Am Anfang war sie noch öfter unten im Haus oder auch bei uns zu Besuch. Einmal saßen wir am Esstisch und es gab Kaffee. Die Unterhaltung war belanglos, bis ich aufs Klo musste. Damals musste ich ja immer die Türe offen lassen, damit ich mich nicht versehentlich einsperrte. Jedenfalls hörte ich diesen Satz, den meine Mutter zur Maria Oma sagte: „Wenn die Kinder nicht wären, würde ich mich scheiden lassen“. Darüber habe ich dann oft nachgedacht.
Mit der Zeit war die Maria Oma immer weniger unterwegs, sie war ja auch schon sehr alt. Wenn ich hinten im Garten bei der Oma schaukelte, stand sie oben am Fenster und schaute mir zu. Manchmal ging ich zu ihr rauf. Sie freute sich sehr über meinen Besuch und ich bekam immer ein Stück Würfelzucker, sonst hatte sie ja nichts.
In ihrem Zimmer war immer eingeheizt, es war unglaublich warm und ihr war immer kalt. Egal zu welcher Jahreszeit, sie trug dicke Wollstrümpfe, eine Strickjacke und das obligatorische Kopftuch. Worüber wir geredet haben, weiß ich leider nicht mehr. Ihr Lebensinhalt waren die Heiligen, Beten und die Kirche. Es gab ihr Trost und erfüllte sie. Ich glaube, manchmal erhielt sie Briefe vom Pfarrer, einen hat sie mir mal vorgelesen, mit ihrer schwarzen Brille mit den dicken Gläsern.
Vor ihrem Bett stand ein Tisch mit einer Lade, darin bewahrte sie kleine Büchlein auf. Es waren immer sehr traurige Geschichten mit irgendwelchen Kindern die aus Händen bluteten und/ oder starben.
Der Rosenkranz, den sie oft betete, war schwarz. Ich bekam auch einen, in einer rosa Schatulle mit hellgelben Steinchen. Und ein Bild bekam ich damals. Wenn ich es ansehe, muss ich auch heute noch an die Maria Oma denken. Es ist recht kitschig und zeigt zwei spielende Kinder am Abgrund. Im Hintergrund ein Schutzengel. Ich fühle mich damit immer ein wenig beschützt.
Durch das Zimmer von der Maria Oma konnte man auch in die Rumpelkammer gehen. Die Türe klemmte immer ein bisschen, was den Ausflug umso abenteuerlicher machte. In der Rumpelkammer gab es nur wenig Licht, das durch die kleinen Dachluken drang, man war direkt unterm Dach. Es war schmal und eng, staubig und es roch alt und geheimnisvoll. Überall standen Dinge, Bücher, Geräte herum, es gab Regale und Kisten, in den Kisten war alte Kleidung, zum Bsp. die Uniform vom Opa.
Als sie krank wurde, kam sie in ein Pflegeheim. Dort war sie zum Glück nicht lange und starb dann im Alter von 97 Jahren an Lungenentzündung. Ich dachte, „aha, deshalb war ihr immer kalt“ und wünschte mir, sie viel öfter besucht zu haben.
© SusiPorter 2021-08-30