Märzengrund – das Stück

Christine Sollerer-Schnaiter

von Christine Sollerer-Schnaiter

Story

Das Theaterfestival ‘Der Stumme Schrei’ hat das Stück in Auftrag gegeben. Lange Zeit hat Felix Mitterer gezögert, diesen Stoff auf die Bühne zu bringen. Scheu vor diesem besonderen Leben hat ihn erst nach dem Tod von Simon recherchieren und schreiben lassen. Das Besondere an seinen Stücken ist, dass er nicht schwarz-weiß malt, nicht interpretiert, nicht bewertet – Mitterer erzählt und berührt.

Leicht könnte die Darstellung in Naturromantik, Rechthaberei, Blut und Boden, Kitsch und Pathetik abrutschen. Aber es wird im Gegenteil zu einem Stück, das weiter wirkt, zum Nachdenken anregt und einen nicht mehr loslässt. Die Stummer Inszenierung folgt genau diesem Geist und mit ihrem leidenschaftlichen Spiel machen sie die wahre Geschichte von Simon Koch unvergesslich. Elias heißt er im Stück, der Aussteiger, der der Macht der Eltern und der Gesellschaft entfloh und sein Leben in einsamen Berghöhen verbrachte. Nicht Hoferbe wollte er sein, nicht weitere Güter ansammeln, nicht dem Leistungsdenken entsprechen – “Die Welt versteaht mi nit”.

Er war einmal ein junger Mann, ging zum Tanzen, fuhr Auto, hatte Spaß mit seinen Freunden. Er war in der Schule gut, las gerne und arbeitete, was ihm aufgetragen wurde. Zu seiner Schwester Rosl hatte er ein enges Verhältnis. Er begehrte nie auf gegen die Mutter, die ihn im Würgegriff hielt und nicht gegen den Vater, der ihn als Hoferben hochjubelte.

Eine Liebesenttäuschung stürzte ihn in eine Depression, die der Vater damit ausheilen wollte, dass er ihn über den Sommer auf die Alm schickte, um über sich nachzudenken. Er kehrte nie mehr zurück. Er vermochte sich und sein Leben nur durch eine radikale Entscheidung zu retten, indem er für immer ‘oben’ blieb. Die kleine Hütte im Märzengrund, einem Almgebiet im Zillertal von beeindruckender Schönheit, die jetzt vor sich hin modert wurde sein Zuhause. Daneben der kleine Stall für die Ziegen.

Wir dürfen teilhaben an seiner Naturverbundenheit, seiner Genügsamkeit, aber auch an seiner Verschrobenheit, an seiner kärglichen doch tiefen Verbundenheit zu einem Jäger. Die Versuche, ihn zurückzuholen, scheiterten allesamt. Seine Eltern gelangten zu keiner Einsicht. Sein Vater zerbrach daran.

Tief berührend die Szene im Altersheim, in das er wegen eines Prostataleidens eingeliefert wurde und wo er seinem Leben ein Ende setzte, weil ihm klar wurde, dass er nie mehr in seinen geliebten Märzengrund zurückkonnte.

Ich war oben im Märzengrund, ich war drinnen in der halbverfallenen Hütte und ich habe ein paar Blümchen an die Tür gesteckt, wie vor 20 Jahren ein kleines Mädchen aus einem in der Nähe gelegenen Wochenendhaus. Das Mädchen hatte sich vor dem rußigen Gesellen erschrocken und ist schreiend davongelaufen. Nachdem es erfahren hat, dass der Mann harmlos sei und seit Jahren ein menschenscheues Leben in der Einsamkeit verbrachte, wollte es sich entschuldigen und ihm Blumen bringen.

Die Geschichte von Simon Koch bewegt und wird erinnert.

© Christine Sollerer-Schnaiter 2022-11-17