von Wolfgang Thurner
“Halt, Papa!”, Tim zieht mich zurück.
„Du hast Deine Maske noch nicht auf“, strafend blickt mich mein Sohn an.
Sanft streichle ich ĂĽber seinen Kopf.
“Du hast recht”, antworte ich und ziehe meinen Mundschutz aus der Tasche.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. So werden Dinge, die noch vor einem Jahr völlig undenkbar waren, plötzlich selbstverständlich.Gemeint ist der Mundschutz, der in dieser Zeit in aller Munde ist, beziehungsweise vor Mund und Nase.
So trägt man jetzt Maske. Zum einen, da es verpflichtend ist, aber auch, um sich und seine Mitmenschen zu schützen.
Auch wenn der Grund fĂĽr diese Masken ein Ernster ist, so verblĂĽfft doch die menschliche Fantasie und Einfallsreichtum.
Klar da gibt es die Pragmatiker, mit den schlichten Papiermasken, allseits bekannt durch diverse Arztserien.
Doch immer mehr dominieren die selbstgemachten oder auch gekauften Masken in den unterschiedlichsten Formen und Farben.
Mag dieses Stück Stoff, den größten Teil des Gesichtes bedecken, so bleiben doch die Augen sichtbar.
Das Auge, unscheinbar und doch voller Aussagekraft. Das Auge, der Spiegel der Seele.
Und sie leuchten in den verschiedensten Farben von grau-blau bis grün. So hat jedes einzelne Auge seine Besonderheit. Doch es ist nicht nur die Farbe alleine, so erkennt man sofort, ob jemand lacht oder traurig ist. Nichts ist ehrlicher, als diese kleinen Falten die sich bei einem Lächeln bilden.
Wir mĂĽssen wieder lernen unseren Mitmenschen in die Augen zu sehen und in ihnen zu lesen.
“Schau mal”, Tim krümmt sich vor Lachen, er zeigt auf einen jungen Mann mit einer Maske wie ein Clown, mit roter Nase und Zahnlücke.
Auch ich muss schmunzeln.“Und da, schau”, ich zeigte auf eine andere Maske in den Farben rot weiß rot.
“Die Farben von Österreichs!“
Von lustig bis ernst. Der Totenkopf darf genauso wenig fehlen wie das Coronavirus höchst persönlich.
Dieses kleine StĂĽckchen Stoff bietet Platz, um den Menschen um uns herum etwas mitzuteilen, stumm und doch von Weitem sichtbar.
“Schau mal Papa die Frau hat den gleichen Mundschutz wie ihre Handtasche”, Tim kichert.
“Ja und sogar in derselben Farbe wie die Schuhe”, ich deute auf die knallroten Stiefel der jungen Frau.
“So wie die Mädchen in meiner Klasse die haben jeden Tag einen anderen Mundschutz auf.” Tim schüttelt den Kopf.
Wird der Mundschutz das neue Modeaccessoire?Gibt es bald passend zu den Schuhen und Handtaschen den passenden Mundschutz? Wird fĂĽr die Sommermode aus dem bekannten Zweiteiler ein Dreiteiler, Hose, Oberteil und Maske?
“Stimmt Tim, aber du darfst nicht vergessen, warum wir den Mundschutz tragen.“
“Wegen dem Virus, oder Papa?“
„Ja, Tim”, ich lege meine Hand auf seine Schulter und sage zu ihm: “dass wieder jeder deine Sommersprossen sehen kann.“
Frech zieht Tim seinen Mundschutz mit grünen Dinos, nach unten und schenkt mir ein strahlendes Lächeln.Ja noch brauchen wir etwas Geduld, aber wir können uns an den bunten Kreationen an dem täglichen Maskenball erfreuen.
© Wolfgang Thurner 2020-11-26