von Lina Pflugk
Ich komme mir vor wie in einem Theater. Ăberall tragen Menschen eine Maske. Es berĂŒhrt mich auf seltsame Weise. Es fĂ€llt mir schwer das GefĂŒhl zu greifen. Ich stelle mir vor, das ganze wĂ€re ein TheaterstĂŒck, geschrieben vom Leben selbst. Wir befinden uns, ohne vorher geprobt zu haben, mittendrin und wissen nicht, wann es zu Ende ist. Corona ist wie ein Regisseur der mit neuen Regeln unser Leben und das soziale Miteinander durcheinander bringt und mit seinem aufbrausenden, konfrontativen Charakter fĂŒr Verunsicherung sorgt. Die Hauptrolle hat der Mensch an sich. Jeder einzelne hat eine verantwortungsvolle Rolle sich selbst und anderen gegenĂŒber, die uns mit unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konfrontiert und uns auffordert zu hinterfragen. Der Kern der Handlung ist, das unsichtbare sichtbar zu machen. Wir wissen, dass jeder Mensch und auch unsere Erde Grenzen hat. Trotzdem ĂŒberschreiten wir manchmal bewusst oder unbewusst diese Grenzen. Jetzt geht es darum, alle Grenzen sichtbar zu machen, indem alle Spieler die Regieanweisung erhalten Abstand zu halten. Grenzen werden uns wieder bewusster und fĂŒhren uns zu einem inneren Dialog, der uns ĂŒber die sichtbaren Grenzen hinaus fĂŒhrt: Bin ich jemandem durch mein Handeln oder meine Worte zu nahe getreten? Ist mir jemand zu nahe gekommen? Meine persönliche Rolle in diesem StĂŒck fordert mich tĂ€glich aufs Neue heraus. Vor allem mit der mir vorgeschriebenen Maskenrequisite habe ich meine Probleme, so dass meine Maske immer noch in einer Schublade liegt und ich mich seit Tagen vor dem Einkaufen drĂŒcke. Was genau stört mich an den Masken? Masken verdecken einen wichtigen Teil des Gesichts. Ich lese gerne in Gesichtern. Jetzt habe ich das GefĂŒhl es nicht mehr zu können. Aber kann ich wirklich den Menschen sehen, wenn er keine Maske aufhat? Setzen wir nicht viel öfter eine Maske auf als uns bewusst ist? Wir haben gelernt uns so zu zeigen, wie wir sein wollen oder wie wir denken, dass man es von uns erwartet. Wann zeigen wir uns tatsĂ€chlich so wie wir sind mit allen GefĂŒhlen und Gedanken die gerade dazugehören? Wozu also sich gegen etwas wehren, was ich nicht verĂ€ndern kann? Ich mache die Schublade auf und ziehe die Maske an. Das Atmen ist ungewohnt. Beim einkaufen wird mir wieder bewusst: ich bin nicht alleine. Wir stehen alle auf der selben BĂŒhne. Lesen kann ich in den Gesichtern immer noch. Nur anders. Menschen können auch mit den Augen lĂ€cheln. Wir haben Ideen, wozu das ganze gut ist, warum das Leben wollte, dass wir in diesem StĂŒck mitspielen. Wir können uns nun vertrauensvoll auf das StĂŒck einlassen und unser Bestes geben, indem wir die Regieanweisungen befolgen und den Glauben daran nicht verlieren, dass dieses StĂŒck einen Sinn hat, den wir rĂŒckblickend verstehen werden. Und dann werden wir, uns selbst bewusst, die BĂŒhne verlassen und dankbar sein fĂŒr all die Erfahrungen, die wir in diesem StĂŒck gemacht haben, da sie uns verĂ€ndert und weitergebracht haben.
© Lina Pflugk 2020-04-29