Liebe war, als ich noch ein kleines Mädchen war, sehr einfach. Ich war lebenslustig, neugierig und hatte keine Angst, mein Leben zu erkunden. Beinahe alles, was ich in meine Finger bekam, habe ich von allen Seiten betrachtet und manchmal auch gekostet. Ich war in meiner Welt, fokussiert auf das, was ich in diesem Augenblick tat. Ohne Scheu, ohne Scham, ohne den Gedanken, vielleicht gerade beobachtet zu werden und lieber die Finger von dem zu lassen, was mich gerade faszinierte. Ich liebte ohne zu unterscheiden.
Als meine Oma Schmerzen in ihren Beinen hatte, habe ich ihr angeboten, dass sie sich auf meinen Rücken setzen kann und wir fliegen zu zweit zu unserem Ziel. Dann hat sie mir zugelächelt und gezwinkert und mir kam vor, dass sie besser zu fuß war als vorher. Mein Herz hatte für alles eine Lösung. Ich war ich selbst, habe mich nicht besser oder schlechter gemacht. Ich war glücklich in mir.
Wann habe ich aufgehört, mir selbst zu vertrauen? Ich habe mein inneres Glück und Zufrieden – Sein verloren auf meinem Weg. Zurückzufinden, mich zu erinnern, mich nicht zu verurteilen, neugierig zu bleiben, offen zu sein, ist eine tägliche Herausforderung.
Vier Tage bevor meine Oma starb, war ich bei ihr. Sie wirkte sehr klein und zerbrechlich in ihrem Bett. An den meisten Tagen konnte sie nicht mehr ihre Augen öffnen. Ihr Körper war wundgelegen , sie hatte fast keine Haare mehr und doch …. das alles sah ich und sah es nicht …. sie war meine Oma, und wir liebten uns. Sie liebte meine Stimme, besonders glücklich war sie, wenn ich für sie sang. Meine Oma war als kleines Mädchen im Kirchenchor und hatte bis kurz vor ihrem letzten Ausatmen eine glockenhelle Stimme. Ich legte meine Hand auf ihre Stirn und begann ganz leise und sanft eines ihrer Lieblingslieder zu singen:
„Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum, ich träum in seinem Schatten, so manchen süßen Traum. Ich schnitt in seine Rinde, so manches liebes Wort. Es zog in Freud und Leide zu ihm mich immer fort. Ich musst‘ auch heute wandern vorbei in tiefer Nacht, da hab‘ ich noch im Dunkeln die Augen zugemacht. Und seine Zweige rauschten, als riefen sie mir zu: “Komm her zu mir, Geselle, hier findst du deine Ruh, hier findst du deine Ruh!” Die kalten Winde bliesen mir grad‘ ins Angesicht, der Hut flog mir vom Kopfe, ich wendete mich nicht. Nun bin ich manche Stunde entfernt von jenem Ort, und immer hör‘ ich’s rauschen: „Du fändest Ruhe dort, du fändest Ruhe dort!“
Während ich für sie sang, bewegten sich ihre Augenlider. Als ich die letzte Strophe sang, öffnete sie ihre Augen. Ich nahm ihr ganzes Leben, ihr ganzes Sein, in ihren Augen wahr. Sie sah mich an und sprach mich mit ihrem Kosewort für mich, das nur sie gebrauchte, an. Eine Stille und Liebe erfüllte den Raum zwischen uns. Ihre Lippen bebten und sie flüsterte mir zu : “Vergelts Gott. Ich dank`Dir” Ich beugte mich zu ihr hinab und legte vorsichtig meine Lippen auf ihre Stirn. Wir verweilten so einige Augenblicke.
Ein letzter Kuss.
Was bleibt, ist die Liebe.
Liebe
© Vivienne Schneider 2021-11-13