Ich spaziere gemütlich in der spätsommerlichen Abendröte vor mich hin und genieße die milde Wärme, die der aggressiven Hochsommerhitze gewichen ist. Beschwingten Schrittes werde ich bei einer kleinen Steigung etwas langsamer und sehe meinen Schatten neben mich herhuschen. Nach all den Regentagen ist es ein überraschendes Wiedersehen. In dem Moment wird mir bewusst, ich werde ihn nicht los. Er ist immer da, nur nicht immer sichtbar.
Mir fallen einige Sprüche und Szenarien dazu ein. Sie ist nur noch der Schatten ihrer selbst. Ja, das sind die Schattenseiten des Lebens. Über den eigenen Schatten springen. Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Die Sonne brennt erbarmungslos herunter, lass uns doch in den Schatten gehen. Schattige Wälder. Große schattenspendende Sonnenschirme.
So vielschichtig diese Sprüche auch sind. Mein eigener Schatten ist irgendwie anders. Ich trage ihn ständig bei mir. Die Sonne, das Licht oder die Tageszeit entscheiden, ob ich ihn sehen darf. Diesen Gedanken möchte ich mir in Zukunft bewusster machen. Mein Leben besteht aus Schattenseiten und Sonnenseiten. Ich brauche aber beides, um das andere existieren zu lassen und um selbst mittendrin sein zu können. Was ich aktuell von mir sehe, hängt stark von den Einflüssen des Umfelds und der Umwelt ab. Unabdingbar ist, dass mir mein Schatten immer folgt, weil er individuell zu mir gehört. Er zieht sich lang und streckt sich, oder er wird ganz klein und beugt sich. Wenn er gut gelaunt ist, winkt er mir sogar zu oder macht schauderhafte Figuren, um andere zu erschrecken. Er kann sehr kreativ sein und Schattenspiele veranstalten. All das lenke ich, wenn ich mit Licht gesegnet bin. Dann habe ich das Steuer in der Hand. Wenn die Sonne aber weg ist, dann sehe ich ihn gar nicht. Dann ist er selbst präsent. Ich muss ihn nicht sehen, denn er breitet sich eigenständig aus, er überschattet sich und mich. Aber er ist geduldig und nicht böse, wenn ich ihn beim Aufblitzen von feinen Lichterstrahlen wieder aufwachen lasse. Wir reflektieren uns gegenseitig, mein Schatten und ich.
Nach all diesen konfusen Gedanken ist mein Spaziergang zu Ende. Ich durfte die ersten Verfärbungen der Blätter beobachten, hochgewachsene Maisfelder bewundern und einfach den Himmel genießen, der die Natur schrittweise auf den Herbst vorbereitet. Bevor ich wieder reingehe, zwinkere ich mir mit meinem Schatten nochmals zu. Winken geht leider nicht, weil der Nachbar am Zaun steht und bereits perplex guckt, weil ich so breit grinse und ständig in den Boden starre. ;-)
© Carina Allerstorfer 2021-09-13