Mein Vater, der Multimillionär (Teil 1)

Flora_Kettner

von Flora_Kettner

Story

Dies ist die wahre Geschichte meines Lebens. Ich bin in einer der reichsten Familien des Landes aufgewachsen, mein Vater war ein typischer Selfmade-Millionär, sein Vermögen betrug in den besten Jahren rund 500 Millionen, dazu kamen Immobilien und Ferienhäuser. Wir lebten auf einem Schloss aus dem 15. Jahrhundert mit zwei Türmen, zwölf Zimmern, zwei riesigen Parkanlagen mit Springbrunnen, einem Hallenbad und vier Angestellten. Meine Eltern waren regelmässig in den Zeitungen oder am Fernsehen zu Gast.

Als mein Vater starb, ging das Unternehmen bald Konkurs. Wir verloren alles. Geld, Schloss, Freunde, Status. Heute lebe ich in einer Ein-Zimmer-Wohnung, habe den Namen meines Mannes angenommen und keiner aus meinem Umfeld weiß, woher ich ursprünglich komme. Deshalb sind auch alle Namen und Schauplätze in meiner Geschichte verändert, weil Mitglieder unserer Familie noch immer unter uns leben und wir alle nicht mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen möchten.

Ich beginne die Geschichte mit dem Unfall, der alles verändert hat.

Als die Sanitäter kamen, dachten sie, er sei tot. Mein Vater bewegte sich nicht, sein Kopf hing schlaff in den Armen meiner Mutter, der rechte Arm lag verdreht in unnatürlichem Winkel daneben. Seine hellbraune Manchesterhose war zerrissen, Blut klebte an Gesicht und Pullover. Die Sanitäter knieten sich neben ihn und horchten auf Atemgeräusche. Später hiess es, mein Vater hätte eine Treppenstufe verpasst, weil er eine Mehrstärkenbrille trug mit einem eingeschliffenen Nahbereich am unteren Rand der Gläser. Beim Sehen entsteht dabei ein Sprung zwischen den beiden Bereichen – und wer im falschen Moment ins falsche Glas blickt, der sieht unscharf. In unserem Schloss gab es übrigens einen Lift über alle vier Stockwerke, keiner von uns hat jemals die Treppe genommen; bis zu diesem Abend.

Sie hörten leise Atemgeräusche, das Herz schlug. Sie intubierten ihn vor Ort, auf dem grĂĽnen Perserteppich dort unten im eleganten Eingangsbereich, eine unwirkliche Szene … dann verlegten sie ihn auf die Bahre und sagten: „Es sieht nicht gut aus“. Wer alles um uns herum stand, kann ich nicht mehr sagen. Wir wurden von unserem Kindermädchen weggefĂĽhrt, in den angrenzenden Saal. Marie, meine Schwester, weinte. Mein BruderJulian sagte kein Wort. Mutter blieb bei meinem Vater und den Sanitätern. Sie war genauso, wie immer in Notsituationen: elegant, kĂĽhl, gefasst. Sie weinte nicht, sie schrie nicht, sie nahm hin, was nicht zu ändern war.

Damals, an diesem Oktoberabend im Herbst 1985, verändert sich alles. In Schloss Sandwasser, Brückenstrasse 2, Sandwasser-Dorf rang mein Vater, der Multimillionär Max Kettner, mit dem Tod, 72 Jahre alt und auf dem Zenit seines Erfolgs. Sie fuhren ihn mit der Ambulanz zum Universitätsklinikum. Wir hörten das Martinshorn noch lange durch die Nacht hallen und blieben zurück mit dem Blutfleck auf dem Teppich.

Es war 21 Uhr 15 und das Leben schlug ein neues Kapitel auf.

© Flora_Kettner 2021-04-06

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