Mein Vater und das Drama vom Grenzlandring

Michael Schaake

von Michael Schaake

Story

31. August 1952 – ein Tag nach meinem vierten Geburtstag. Ich weiß nicht, warum mein Vater mich nicht mitnahm, sonst war ich immer dabei, wenn er (solo, meine Mutter war gestorben, als ich ein Jahr alt war) was unternahm. An dem Tag fuhr er, Klassenlehrer mit Kindern seiner Schulklasse nach Wegberg/Niederrhein zum Grenzlandring, wo ein Formel-2-Autorennen stattfand, 300.000 Zuschauer. Der Rennfahrer Helmut Niedermayr kam mit 200 km/h von der Strecke ab und fuhr in die Menge, dreizehn Tote, darunter sieben Schüler meines Vaters, die um ihn herumstanden. Wäre ich dabeigewesen, wäre ich vielleicht der achte gewesen? Vater selbst blieb unverletzt.

Ich habe das damals gar nicht mitbekommen, weiß alles nur aus späteren Berichten von Verwandten, mein Vater hat nie mit mir darüber gesprochen. Und inzwischen einiges aus dem Internet, das Rennen wurde trotz des Unfalls fortgesetzt. Es gab keine juristische Aufarbeitung, Kommentare von Politik und Presse, das waren bedauerliche Opfer des technischen Fortschritts, heute unvorstellbar, kein Wort der Kritik, maximal, der Niedermayr hat das nicht gewollt – er fuhr weiter Autorennen. Vater blieb unbehelligt, persönlich keine Schuld, er hatte mit seiner Klasse nur einen Ausflug zu einem Autorennen gemacht, sicher mit Einverständnis der Eltern und zur (Vor-)Freude der Kinder.

In meiner schwachen, frühen Erinnerung: Vater veränderte sich nicht oder er hat es verborgen, er war der Gleiche wie immer, gut gelaunt und freundlich, beliebt bei Freunden und Freundinnen, das habe ich schon mitbekommen. Ich empfand kindlichen Stolz auf ihn, hatte so viele “Onkels” und “Tanten”, die mich auch mochten.

Er blieb Autofan, reiselustig, fuhr quer durch Europa, erst mit einem VW Käfer, aber bald Mercedes, bis ins hohe Alter von über 80. Gern sehr schnell für damalige Verhältnisse. Nach einem Unfall 1968 bin ich nicht mehr zu ihm ins Auto gestiegen, hat unser Verhältnis nicht gestört, aber wir sind halt nicht mehr zusammen Auto gefahren. Ich darf eigentlich nicht lästern, bin später selbst gern schnell gefahren, aber kein Raser.

Das war das historische, nun zur Gegenwart: Ich kapiere nicht, wozu heute noch “Motorsport”, Formel 1, Rallyes etc. Das ist überflüssig, niemand braucht das mehr. Und das Sport nennen ist ein Irrtum, was ist daran sportlich, nur Business, Konkurrenz und Ehrgeiz, von sportlicher Kameradschaft ganz zu schweigen. Natürlich ganz weit vorbei an der Diskussion über Energie sparen und Klimaschutz.

Ich weiß nicht, ob alle Leser diese Meinung teilen. Aber das Unglück von 1952 bleibt in Erinnerung, damals nannte man auch das Sport …

© Michael Schaake 2022-02-20

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