Meine Mutter 6: Er schießt auf sie

Libero

von Libero

Story

Meine Mutter war also mit Anfang 20 professionelle Prostituierte. Das bedeutete auch, dass sie sich wöchentlich einer Untersuchung unterziehen musste, die bis heute amtlich am sogenannten “Deckel” vermerkt wird. Mit diesem Ausweis wird die Legalität der Tätigkeit bestätigt.

Wenn ich meine Mutter über diese Zeit befrage, kommt sie ins Schwärmen. Sie war jung, begehrt und fühlte sich total bestätigt. Sie nannten sich Brigitte, weil sie Brigit Bardot ähnlich sah. Es war die Zeit der Hoch- und Überkonjunktur. Die Leute hatten Geld und viele Männer konnten sich den Luxus einer Prostituierten leisten. Sie standen bei ihr Schlange und so konnte sie sich jene herauspicken, die ihr wenig Mühe bereiteten und besser bezahlten. Das Geld floss in Strömen, sie lebte im Luxus und so vergingen die Jahre.

Wie meinen “Papa”, der jahrzehntelang ihr Lebensgefährte war, lernte sie auch meinen leiblichen Vater “Pepi” auf dem Strich kennen. Als einer der besonderen Kunden kam er auch zu ihr nach Hause. In diesem Zusammenhang kam es an einem Tag kurz vor Ostern zum Eklat. Papa und sie hatten eine Übereinkunft: Er teilt seine Frau mit anderen Männern, solange Sex nur im beruflichen Kontext passiert. Verkürzt war damit gemeint, dass sie es nicht genießen durfte. Bei Pepi war aber auch Liebe im Spiel. Und so kam es, dass sie die Vereinbarung brach und ihre sexuelle Erregung nicht zu überhören war. In einer Eifersuchts-Reaktion leerte der Betrogene eine Cognac-Flasche und holte eine der beiden Schusswaffen aus ihrem Versteck, die er als Taxifahrer ganz offiziell besitzen durfte.

Als der “heimliche” Geliebte gegangen war, stellte der Betrunkene meine Mutter mit der Waffe in der Hand zur Rede. Provokant antwortete sie: „Na dann schieß doch, dann ist alles vorbei und überstanden.“ Die Provokation wirkte und er drückte ab. Das Projektil ging an ihr vorbei und blieb in der Wand stecken. Danach brach er volltrunken bewusstlos zusammen. Meine Mutter rief die Rettung, die ihn in die Nervenklinik nach Gugging brachte.

Tags darauf besuchte sie ihn dort. Er war im geschlossenen Bereich untergebracht und steckte in einer Zwangsjacke. Er flehte darum, wieder nach Hause zu dürfen. Die Ärzte fragten meine Mutter, welche Angehörigen er sonst noch hätte, denn für eine Entlassung müsste jemand für ihn bürgen. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden noch nicht verheiratet, weshalb sie eigentlich nicht infrage kam. Doch seine Mutter war zu alt und ich als offizieller Sohn zu jung und sonst hatte er niemanden.

Dies wäre ein perfekter Zeitpunkt gewesen, sich von ihm zu trennen. Aber ihr war das Leben als Familie und die damit verbundene Normalität, die es zumindest an Wochenende gab, wichtiger. Und so bürgte sie für ihn, nahm ihn mit nach Hause, holte seine Mutter aus ihrer Wiener Wohnung und mich aus dem Internat. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch Volksschüler. Dann verbrachten wir das darauffolgende lange Osterwochenende gemeinsam, als ob nichts Besonderes passiert wäre.

© Libero 2020-11-19

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