Ich kann sie sehen.
Klar habe ich mein Ziel vor Augen. Ich muss mir meine Worte genau überlegen, denn ich weiß, dass es darauf ankommt, welche ich wähle. Der eine braucht einfache, verständliche Worte, die andere eine bildreiche Sprache. Jetzt kommt es auf mich an. Nein, nervös bin ich nicht, aber freudig aufgeregt, weil mir bewusst ist, dass es auch heute wieder eine Herausforderung wird. Ob ich es schaffe? Weil ich selbst fasziniert davon bin, bin ich überzeugt: Es wird funktionieren.
Ich steige ins kühle Nass.
Schwungvoll öffne ich die Türe, gehe zu meinem Tisch, lege meine Unterlagen vor mir ab und blicke in 30 Augenpaare, die meinen Blick und meinen Morgengruß mehr oder weniger erwartungsvoll erwidern. Ärmel aufkrempeln und Pobacken zusammenpressen. It’s Showtime.
Eine milde Brise umspielt mein Gesicht und Wasser spritzt an meinen Beinen hoch.
Ich beginne meine Ausführungen. Zuerst halte ich mich an den Plan, den ich mir überlegt habe. Fest stehe ich auf meinem Surfbrett. Dann schweife ich doch davon ab, weil die Fragezeichen in den Gesichtern meiner Gegenüber immer größer werden. Dazwischen erzähle ich eine kleine Anekdote, die mir spontan in den Sinn kommt. Jetzt muss ich etwas ausholen und erkläre noch einmal die Grundlagen, die offenbar schon in Vergessenheit geraten sind. Still stehen bleiben oder gar sitzen geht dabei gar nicht. Vielmehr artet das tatsächlich in Sport aus, was mein Körper gerade vollführt. Alle Partien sind im Einsatz. Ich fühle mich jetzt wie die Surferin, die auf der perfekten Welle durch die Fluten gleitet.
Ganz plötzlich kann ich es spüren. Eine Hand aus dem hinteren Drittel erhebt sich zaghaft. „Ist das dann so, dass ich …?“ Yes! Er hat’s kapiert. „Ja, genauso ist es!“ Ihn hat die Welle erfasst. Noch etwas beschwingter surfe ich weiter. Der erste Wellenreiter aus den hinteren Reihen hält den Kopf zur Nachbarin. Leise beginnen sie miteinander zu reden. Es dauert ein wenig, bis ich es ganz schwach wahrnehmen kann. Doch es wird immer klarer, während ich mein Programm fortsetze. Auf einmal bin ich mir ganz sicher: Auch die zweite wird von der Welle mitgetragen. „Kann ich dann einfach …?“, fragt die Nachbarin. „Ja! Ganz einfach kannst du das!“
„Ich check’s einfach nicht!“, maunzt ein sonorer Bass missmutig durch den Raum. Sogleich erhebt die zweite Mitgerissene die Stimme: „Du musst nur da … und dann dort oben …!“ Eine Diskussion startet. Ich lege die Fingerkuppen meiner rechten auf die der linken Hand und horchte gebannt zu. Unsere Welle geht durchs Zimmer. Einige lassen sich mittragen. Ich weiß, dass die Welle sie nicht alle sofort auf einmal erreichen wird. Manche wird sie vielleicht nur flüchtig streifen – wenn überhaupt. Und dann höre ich den Satz, den ich so sehr liebe: „Des is ja eh gar ned so schwer!“ Zufrieden lächelnd atme ich durch und genieße dieses Gefühl. Ich bin angekommen. Genau solche Erlebnisse sind der Grund dafür, dass ich so gerne Lehrerin bin. Und ja: auch Mathe kann mitreißen!
© Teresa Kaiser-Schaffer 2021-07-02