von Paul Gumhalter
Immer, wenn ich diese Aufforderung höre, nach einer persönlichen Begegnung, am Ende eines Telefonats oder, noch schlimmer, weil festgeschrieben, am Ende eines E-Mails, immer dann verdunkeln sich in mir die Himmel. Wie kann man so etwas sagen oder schreiben? Was bringt immer wieder Menschen dazu, mich derart herzlos, würdelos zu verabschieden? Man könnte doch auch sagen: „Hören wir uns, rufen wir uns zusammen, bleiben wir in Verbindung!“ – alles, nur nicht: „Sorge du gefälligst dafür, dass wir in Verbindung bleiben. Ich will mir die Mühe nicht wirklich machen. Und um die Wahrheit zu sagen: Eigentlich will ich gar keinen weiteren Kontakt mit dir!“
Erst im letzten Sommer: Erbarmungslos glüht die Mittagssonne durch die Windschutzscheibe, als ich bei einer roten Ampel in Perchtoldsdorf bei Wien anhalte. „Wie im Wilden Westen“, denke ich. Da bleibt links von mir, auf der Abbiegespur, ein Auto stehen. Ein Blick genügt. Es ist S., meine Tiroler Ex-Kollegin und Ex-Freundin und Ex-Liebesgöttin und Ex-Dramaqueen und Ex-Löwenbändigerin.
Und ich sehe jenes Foto auf ihrer Kommode, das sie mit der Löwin im Nationalpark in Tansania zeigt, und die vielen afrikanischen Statuetten, die ihrer Wohnung eine archaische, leidenschaftliche Atmosphäre gaben.
Wir lassen die Seitenfenster herunter. „Hey Paul! Wie gehts da?“ Ich sehe ihr Auto, eine neue Schrottkiste. Sie neigt also nach wie vor zu Extremen. Nur bändigt sie jetzt keine Löwinnen mehr, sondern Schrottkisten!
Schon jene, die sie zu unserer gemeinsamen Zeit fuhr, war grenzwertig. „Reiß die Handbremsn nit so gewoltsam aui! Da werd se dochhh khaputt! Warum miassn nur alle Männa immer die Handbremsn aui reißen!“, schrie sie, als ich dieses Fahrzeug ein einziges Mal und nie wieder danach auf der Fahrt nach Innsbruck lenken musste, an der Autobahnraststation. In Innsbruck wiederum riss sie, nicht nur um sich für die vermeintlich kaputte Handbremse zu rächen, am Gummizug des Kragens meiner Skijacke, sodass mir der daran hängende Knopf beinahe ins linke Auge zurückschnalzte. Was war geschehen? Ich hatte an einem Kiosk am Marktplatz eine Tafel Schokolade als Souvenir für meine Tochter gekauft, eine Eifersuchtsattacke oberster Ordnung war die Folge, und ich fürchtete ernsthaft, zum ersten Mal in meinem Leben von einer Frau eine Ohrfeige zu bekommen! Ja so war sie, mein Tiroler Urgesteinstemperamentbündel!
Die Smalltalkwörter fliegen nun hin und her: „Hey was machst du so immer arbeitest du noch immer in der Abteilung ja und du?“ Und so weiter. Ich denke: „Hey, du siehst gut aus! Dein strahlendes Lächeln gefällt mir immer noch. Und deinen Tiroler Akzent find ich extrem sexy. Können wir nicht einmal, nur für einen Abend, das Rad der Zeit zurückdrehen?“ Und so weiter. Und: „Du hast ein schöneres Auto verdient!“
Die Ampel springt auf Grün. Und dann kommt sie, die Killerphrase. Ein Schuss fällt: „Meld dich mal wieder!“
Ich fahre los, tödlich getroffen im High Noon von Perchtoldsdorf!
© Paul Gumhalter 2021-06-09