Merlinas Hasenfüße

Frank Naujok

von Frank Naujok

Story

Bin ich alleine zu Hause, dann bin ich gerne maximal barfüßig bis hoch zu den Augenbrauen, doch glaube ich so langsam, ich muss mir ein paar dieser dicken kuscheligen Hausschuhe mit Hasenohren zulegen, die manche Frauen so gerne tragen, ziehe ich gerade auch eine Augenbraue bei dem Gedanken an das Bild hoch, das ich mit diesem Satz in deinem Kopf erzeuge.

In unsere Beziehung bin ich im wahrsten Sinne des Wortes hineingestolpert. Ich wollte nur einen kleinen Ausreißer retten und wieder nach Hause bringen und dachte dabei an einen zeitlich kurzfristig überschaubaren Rahmen. In den ersten Tagen hat mich das Geschlecht des Tieres auch nicht interessiert. Doch nun wohnt die kleine Hasendame schon seit Wochen bei mir, in dieser Zeit habe ich viel über Hasen gelernt und ihr Geschlecht bestimmt unseren Alltag.

Inzwischen glaube ich, dass Merlina eine erfahrene Knastschwester ist. Ich habe alles versucht, um sie von der Bequemlichkeit des kleinen Holzhäusleins zu überzeugen. Ich habe es ihren ausgewählten Schlafplätzen hinterhergetragen. Ich habe es mit Karotten und Petersilie bestückt. Ich habe mich still davorgesetzt, während sie es untersucht hat. Ich habe dabei nicht hingeschaut. Sie will nicht hinein. Im besten Fall holt sie das Futter heraus, wenn ich schlafe oder nicht im Raum bin. Ich vermute, dass sie alleine und oft eingesperrt gehalten wurde.

Von einem nachtaktiven Tier sollte man erwarten, dass sie mich stört, zumal ich mitten im Raum auf dem Boden schlafe. Aber ich höre höchstens einmal, wie sie ihr Futter knabbert. Ansonsten liegt sie immer an ihrem Platz unter der Heizung, wenn ich Nachts aufwache. Dieser Platz ist für sie ideal, der Heizkörper bietet ihr Schutz, aber sie hat immer alles im Blick.

Sobald ich mich bewege und das Licht einschalte, ist bei Merlina erst einmal Jogging angesagt. Raubtiere, wie Hunde oder Katzen, machen im Spiel Scheinangriffe. Hasen machen Scheinfluchten. Von der Zimmertür bis auf den Balkon und zurück rennt sie durch den Raum. Dabei dreht sie sich mit einem Luftsprung auf dem Teppich in den Stand, um mich provozierend anzuschauen und dann eine weitere Scheinflucht zu beginnen.

Ob nun Angriff oder Flucht, an der Dominanz der kleinen Dame ändert das nichts. Meine Füße hat sie inzwischen zu Ersatzhasen erklärt. Ich kann mich nicht mehr durch den Raum bewegen, ohne dass sie an meinen Füßen hängt. Sobald ich still stehe, bekomme ich einen Zwick in den linken Fuß. Vielleicht ist er in ihren Augen schöner, als der rechte. Frauen. Ich muß nicht alles verstehen.

Bei allem Unverständnis muss ich mich mit ihrer Dominanz arrangieren. Es gibt keine Alternative, die Zwickezicke ist sehr stur. Ich betrachte es inzwischen als Hasenyoga. Auf dem rechten Fuß balancierend streichle ich sie mit dem linken. Nach einer Weile wechsle ich den Fuß. Dann dauert es nicht lange, der Linke bekommt einen Zwick und ich muss wieder wechseln.

Eine dominante Fußfetischistin. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Na toll.

© Frank Naujok 2020-06-07

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