Wenn ich schon durch die Türkei trampe, warum sollte ich nicht Zypern besuchen?
„Du musst nach Taşucu fahren, da gibt es eine Fähre nach Magusa.“
Gemeint ist natürlich Famagusta. 1984 litt die Türkei noch unter einer Militärdiktatur und solche Leute mögen keine Rucksacktouristen. Und sie kontrollierten den Zugang nach Nordzypern. Ein Visum musste her. Der Hafen glich einer Kaserne. Überall Soldaten. Misstrauisch studierte ein uniformierter Beamter meinen Pass. „Warum?“
„Schöne Stadt sehen!“ Mehr fiel mir auch nicht ein. Er gab mir ein türkisches Formular zum Ausfüllen. Ich deutete türk değil, herrisch nahm er meinen Pass und das Formular und füllte es selbst aus, ich musste unterschreiben. Eine Fähre, weiß und rot gestrichen, mit stürmischer See, mir war ziemlich flau im Magen. Beim Aussteigen deutete ein Militär mit einer Waffe an, zu warten, bis es Zivilisten erlaubt ist, den Steg hinunterzugehen.
Der empfangende Soldat studierte Visum und Pass, kräuselte die Stirn, fixierte mich mit den Augen und sagte eine kurzen Befehl. Sein Untergebener richtete sofort die MP auf mich.
„Pasaport kötü!“
Ich verstand kein Wort. Mit der Miene: Hab ich Dich, Bürschchen! Fasste er mich an der Schulter und zerrte mich in ein Wachhäuschen. Auf meine Fragen in Deutsch oder Englisch ging er nicht ein, er ließ mich mit der Wache allein. Es war heiß in der Hütte und geschwitzt hätte ich auch, wenn es kalt gewesen wäre. Nach eine gefühlten Stunde, kam der Soldat zurück mit einer höheren Charge, ein asketisch wirkender graumelierter Mann mit einer extra großen Mütze. Es war der erste Türke, der Englisch konnte.
„Your visa and passport are not identical!“
„It is ident!“
„No! I know it! I am the captain! You are Richard Wissinger?“
„Thats me.“ „What?“ „I am Richard Wissinger.“
„Your visa is issued in a different name.“
„Impossible. I got the visa filled in Taşucu.“
Der Captain griff zum Telefon, bellte hinein, wartete, bellte wieder. Nach einer Weile war die Verbindung hergestellt, er sprach schnell am Telefon, klopfte dabei mehrmals auf meinen Pass, seine Miene verfinsterte sich, er fixierte mich. Offenbar sprach er mit dem Aussteller des Visa, der mich beschrieb.
„You are Mister Graublau Keine, you and your clothes were described in detail.“
Ich war etwas in Panik, aber dann dämmerte es mir.
„Please show me the Passport.“
Unter meinem Foto stand mein Name, auf der gegenüberliegenden Seite stand bei Augenfarbe in Tinte geschrieben Graublau und bei besonderen Kennzeichen Keine. Endlich kapierte der Capo, sah verächtlich zu den Leutnant „Salak!“ zischte er. Der Mann zuckte zusammen. Selber Salak, dachte ich, der Fehler des Visabeamten hätte Dir auch auffallen können. Ein Bürohengst stempelte das Visum und den Pass. Wohlwollend nahm mich der Captain am Oberarm und entließ mich in die Freiheit.
Der Junta entronnen erwartete mich Zypern mit Magusas riesigen Festungsmauern. Dieser Schreck hatte einen Riesenappetit und Durst hervorgerufen.
© Richard Wissinger 2020-04-07