„Erwähnenswert ist, dass im Kremstal Anfang der 60er Jahre großer wirtschaftlicher Aufschwung herrschte. Es gab im Tal mehrere Betriebe, darunter 2 Schuhfabriken mit je etwa 300 MitarbeiterInnen. Es war die Zeit einer beginnenden Hochkonjunktur. Auch meine Eltern beschlossen in dieser Zeit, auf der Königsalm nahe beim Wirtshaus ein Haus zu bauen, um endgültig sesshaft zu werden. (Zuvor waren sie an verschiedenen Orten in Miete gewesen.)“, schildert Christian. Er erinnert sich, wie er in jener Zeit mit seiner Mutter ab und zu mit dem Autobus nach Krems fahren durfte, um Einkäufe zu erledigen. Damals besaßen seine Eltern noch kein eigenes Auto.
Er setzt seine Erzählung fort: „Am Bahnhofsplatz in Krems gab es ein Kaffeehaus, in dem wir dann einkehrten und Kuchen aßen. Zur selben Zeit wurden dort – für die damalige Zeit – die ersten Hochhäuser errichtet. (Heutzutage wirken diese Gebäude nicht mehr außergewöhnlich hoch.) Dort bewunderte ich erstmals einen gelben Baukran. Die Besonderheit daran war, dass wir den Kranfahrer persönlich kannten: Er war Gast im Wirtshaus Königsalm und lebte bei seinen Eltern im Sägewerk auf der Königsalm. Seine Eltern gaben ihm den Namen Adolf. Adolf R., genannt ‚Rangel‘, wurde von allen Kindern und Jugendlichen bewundert. Adolf kletterte auf der außen am Kran befindlichen Leiter in einem Affentempo empor – bewundert von den Gästen im Kaffeehaus. Er fuhr ein schwarzes Motorrad, eine Matchless G11 600 ccm3. Wenn er zum Beispiel aus dem Kino in Krems kam, betrat er das Gasthaus in seiner Lederjacke, mit einer Zigarette im Mund – wahrscheinlich inspiriert von einem Film, der damals im Kino lief: ‚Denn sie wissen nicht, was sie tun‘ , mit James Dean.
Er fuhr meist ohne Kopfbedeckung – es gab ja noch keine Helmpflicht – und stellte sein Motorrad vor dem Wirtshaus ab. Wir Kinder standen dann um das Motorrad herum und staunten.
Auch der aus Danzig stammende Lebensgefährte meiner Großmutter, Hans Schröder, fuhr ein Motorrad: eine Horex Regina. Er erzählte, dass erstmals ein weiblicher Vorname für ein Motorrad verwendet worden war und meinte: ‚Meine Regina lässt mich nie im Stich!‘ Auch er fuhr ohne Helm, aber da er bei Wind und Wetter unterwegs war, trug er auf seinen Fahrten einen Gummimantel und einen Lederhelm mit Brille.
Die Mobilität war damals ein wichtiges Thema. Verschiedene Unternehmer besaßen schon Privatautos. Mein älterer Bruder Josef war stolzer Eigentümer eines Fahrrads und fuhr damit rasant kreuz und quer auf der Bundesstraße; durfte aber von Rechts wegen noch nicht im Straßenverkehr unterwegs sein. So weckte er die Aufmerksamkeit eines Gendarmen aus Meisling, des Inspektors Schreferl. Dieser kam ins Wirtshaus und sagte zu meiner Gro0mutter: ‚Der Bub soll das Fahrrad abgeben!‘ Danach befragte er meinen Bruder über den Verbleib des Fahrrades; dieser schwieg wie ein Grab. Daraufhin suchte der Polizist das Fahrrad: vergeblich! Mein Bruder hatte es unter der Brücke versteckt, wie sich später herausstellte…“
© Roswitha Springschitz 2026-04-23