Mohn, Kokosette und Kakao

Gudrun Salzer

von Gudrun Salzer

Story

Schon beim Munterkuscheln in der Früh war es ein echter Kraftakt meinen Zehnjährigen von einem Augenaufschlag zu überzeugen. „Schlecht geschlafen“ und „Halb drei“, murmelte er in seinen Kopfpolster.

Am Frühstückstisch wollten ihm die Augenlider immer noch nicht gehorchen. Erstaunlicher Weise blieb die notarztpflichtige Intervention beim Weckerl aufschneiden aus. Im Blindflug fanden Butter und Marmelade ihren Weg und nach einem halben Häferl Tee „Sind da Brennnessel drinnen?“, Kopfnicken meinerseits, erwachten die Lebensgeister. Nun ging es ans Eingemachte. Der Evaluationsprozess zur nächtlichen Wachphase startete mit der Aussage:

„Ich bin erst gegen halb drei eingeschlafen!“

Jetzt war echtes Schauspieltalent gefragt, denn ich bewegte mich gerade auf sehr dünnem Eis. Zum Glück noch unbebrillt konnte ich meinen schiefen Schmunzler vor ihm verbergen.

„So lange bist du wach gelegen?“, lautete meine mit gespieltem Entsetzen vorgetragene Antwort.

„Ja!!!“

„Ich denke, das kann nicht sein. Wir beide kennen uns nun schon mehr als zehn Jahren. Und immer, wenn Du nicht schlafen kannst, stehst Du bei mir auf der Matte.“

Sein weckerlwiederkäuender Blick streifte mich. Ich wartete auf einen Einwurf seinerseits, der allerdings ausblieb.

„Ich denke, Du bist gestern Abend eingeschlafen und im Laufe der Nacht munter geworden. Wäre das vielleicht möglich?“. Stummes, immer noch wiederkäuendes Kopfnicken.

„Möchtest Du Dich wieder ins Bett legen und versuchen weiterzuschlafen?“ stelle ich versöhnlich in den Raum.

Ein „NEIN!“ kam postwendend zurück.

Da heute ein Hausübungstag am Plan stand, dauerte es nicht lange und das müde Wesen erschien mit dem Mathezeug auf der Bildfläche, hielt es mir genervt unter die Nase: „Ich kenn mich da nicht aus!“.

Gemeinsam konnten wir das Problem lösen. Für die restlichen Beispiele okkupierte es den Küchentisch. Parallel dazu begann ich mit den Vorbereitungen fürs Mittagessen. Gewünscht wurde außerdem ein Kuchen, der auf meiner ToDoList ganz oben stand. Während die Eier in die Rührschüssel gelangten, zeichnete sich ein Ende der Matheaktiviäten ab.

Ein unternehmungslustiges „Kann ich Dir was helfen!“, erreichte mich und so übertrug ich das Auswägen und Verrühren an meinen allerliebsten Küchenassistenten. Das Kuchenbacken nach Rezept ist bei uns so eine Sache- das vorliegende Rezept wird grundsätzlich nicht eingehalten. So auch heute. Wir machten uns auf die Suche, womit wir den Kuchen aufwerten konnten. Nüsse? Nein, die müsste man reiben. Keine Lust dazu. Etwas Kokosette und ein Rest Mohn wanderten in die Schüssel. Und eine großzügige Fuhr Kakao.

Eifrig mixte mein Assistent die Zutaten zu einer geschmeidigen Masse. Alles sah perfekt aus. Er stellte den Handmixer ab, hob die Quirl an. Just in diesem Moment rutschte sein Finger auf den Regler zurück. Setze ihn in Gang und der Teig verteilte sich großzügig über die Küche und den Patissier himself.

Ausflippen? Oder Lachen?

© Gudrun Salzer 2020-05-29

Hashtags (optional)