Mütter dürfen nicht weinen

Annika Werner

von Annika Werner

Story

Warum war sie nicht glücklich?

Wann war sie unglücklich geworden, obwohl sie doch genau das immer gewollt hatte?

Ehe, Eigenheim, Kinder. Natürlich war sie glücklich gewesen, als sie diese kleinen Würmchen zum ersten Mal in ihren Armen gehalten hatte. Der gut gepflegte Garten machte sie stolz und Geldsorgen hatte sie auch keine. Doch etwas fehlte ihr.

Sie saß auf dem Sofa, ein Fotoalbum aus der Zeit vor ihren Kindern auf dem Schoß. Die ersten Bilder zeigten sie lachend auf einem Motorrad. Inzwischen hatte sie ihre Maschine längst verkauft, zu abschreckend war die Anzahl der Todesopfer bei Motorradunfällen damals gewesen. Auf keinen Fall wollte sie riskieren, dass ihre Kleinen ohne Mutter als Halbwaisen aufwachsen müssten.

Die nächste Seite war gefüllt mit den Bildern aus Australien: stolz posierte sie mit einem gigantischen Wanderrucksack auf dem Ayers Rock, welcher damals noch zugänglich für Touristen gewesen war… Das musste jetzt schon eine Ewigkeit her sein. So ein Abenteuerurlaub war mit Kindern schlichtweg nicht realisierbar, das Gequengel bei einem langen Spaziergang im heimischen Wald reichte ihr schon. Die letzten internationalen Reisen hatte sie stets in spanische Ferienressorts inklusive Animationsprogramm für die Kleinen geführt.

Als Nächstes war sie in einem schicken blauen Kleid in einem exzellenten Restaurant der gehobenen Küche abgelichtet, einen edlen Rotwein in der Hand, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, umgeben von ihren Mädels. Wann war sie nur das letzte Mal mit ihren Freundinnen essen gewesen? Wann hatte sie sich das letzte Mal etwas gegönnt?

Da brach der Damm und sie fing leise an, zu weinen. Innerlich verfluchte sie sich dabei: Sie fühlte sich schuldig für ihre Tränen. Sollte eine Mutter ihre absolute Erfüllung nicht in dem behaglichen Familienleben finden? War sie nun also eine schlechte Mutter, weil sie ihr eigenes Leben vermisste? Für ihre Kinder hatte sie alles aufgegeben: Die Kleinen standen immer an erster Stelle, so wie es sich doch gehörte, oder? Was für eine Rabenmutter sie sein musste, weil sie sich gerade doch tatsächlich eine Auszeit von ihren eigenen Kindern wünschte! Und dann war da auch noch ihr Mann – selbstverständlich liebte sie ihn, aber verliebt war sie schon lange nicht mehr, für solche Gefühle war weder Raum noch Zeit.

Sie erstickte förmlich in ihrem Leben als Mutter: vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche. Und dafür schämte sie sich abgrundtief. Es stand ihr doch wohl kaum zu, eigene Bedürfnisse zu haben! Kraftlos gab sie sich der Frustration hin, ließ die Tränen auf das Fotoalbum tropfen und bedauerte ihre verlorene Freiheit.

Dann klingelte das Telefon; ihre älteste Tochter wollte vom Bahnhof abgeholt werden.

© Annika Werner 2022-08-06

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