von Victoria
Wenn Ihr geschätzten Leser heute eine Hymne auf die Liebe zu meiner Mutter oder meinen Kindern vermutet bzw. eine schmalzig-schnulzige Muttertagsgeschichte erwartet, dann liegt Ihr weit daneben!
Nein, ich finde den hochgelobten Muttertag irgendwie Bähhh – so aufgezwungen von der Wirtschaft und der Gesellschaft. Als Kind konnte ich den Muttertag überhaupt nicht leiden. Warum? Das ist schnell erklärt:
Da meine Eltern ein Gasthaus betrieben, hieß es für uns Kinder an den Wochenenden oft mithelfen, da es ein Familienbetrieb mit wenig Angestellten war. Und der Muttertag war einer der schlimmsten Tage im Jahr für mich. Viele erwachsene Kinder wollten ihre Mutter ins Gasthaus ausführen, um sie zu verwöhnen und zu ehren und damit das liebe Mütterlein zumindest an diesem einen besonderen Tag nicht kochen musste.
Tja, was das für die Gastwirtschaften bedeutete, ist logisch ableitbar. Einerseits ein gutes Geschäft an diesem Tag, andererseits immens viel Arbeit. Alle Plätze waren bereits vorreserviert. Kaum erhob sich die eine Familie gesättigt, kam schon die nächste, um sich an Speis und Trank zu laben. Auch nach dem Mittagsgeschäft war der große Spuk nicht vorbei. Ohne Pause, unmittelbar anschließend an die Mittagszeit trudelten die nächsten Gäste mit ihren Müttern, Omas oder auch Urgroßmüttern ein, um Kaffee und Kuchen zu genießen.
Wenn das Wetter auch noch freundlich war, war der Gastgarten zusätzlich voll belegt und wir kamen mit dem Kochen, Herrichten und Servieren der Speisen und Getränke nicht mehr nach.
Für meine Eltern und für uns Kinder bedeutete das, den ganzen Tag eilen und schuften und werkeln und schwitzen ohne Pause. Ich musste die Zähne zusammenbeißen, denn jammern ging gar nicht an diesem Tag, immerhin war Muttertag und ich wollte doch meiner Mama eine Freude machen.
Abends freute sich Papa über das gute Geschäft, Mama fiel einfach nur mehr erschöpft ins Bett und ich war heilfroh, dass es nur einmal im Jahr Muttertag gibt. Seitdem scheue ich den Gasthausbesuch an einem Muttertag, weil ich mir den Stress gar nicht antun möchte, nicht einmal als Gast.
Letztes Jahr wünschte ich mir von meiner Tochter, dass sie für uns kocht, damit ich auch mal in den „Genuss“ eines Muttertags komme. Als ich sie heuer jedoch murren hörte: „Oje, am Sonntag ist ja Muttertag“, dachte ich mir, ich möchte nicht, dass sie ebenfalls so eine negative Einstellung zum Muttertag bekommt wie ich und diesen Tag nur als lästige Pflicht sieht. Also erklärte ich ihr: „Heuer brauchst du nicht zu kochen, wir fahren einfach zum nächsten Würstelstand und holen uns etwas Essbares, dann kann jeder von uns diesen Ehrentag genießen.“ Meine „Große“ freute sich.
Wenn mir meine Kinder trotzdem an diesem Tag eine kleine Freude bereiten möchten, ohne einen gesellschaftlichen Druck zu spüren, dann freut es mich natürlich besonders. Euch allen einen wunderschönen Muttertag!
© Victoria 2019-05-10