Nach dem Schmerz kommt immer Leichtigkeit

Tanja Frei

von Tanja Frei

Story

„Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das verdränge oder ob ich mich wirklich davon distanziert habe“, sage ich zu meiner Freundin, als wir an einem regnerischen Freitagabend beim Thailänder im ZĂĽrcher Niederdorf sitzen, Curry und Pad Thai essen und dazu einen Campari schlĂĽrfen. „Ich habe wochenlang darunter gelitten, viel geweint, Angst gehabt. Und jetzt, ein paar Wochen später, kann ich plötzlich darĂĽber reden, ohne dass es mich zu sehr berĂĽhrt. NatĂĽrlich bewegt es etwas in mir. Ich spĂĽre vielleicht, wie die Narbe dieser frisch verheilten Wunde zwickt, aber sonst passiert im Moment nicht mehr viel.“

Sie sagt: „Ich denke, du verdrängst das nicht. Du hast es verarbeitet. Du bist durch den Schmerz hindurchgegangen, hast dich der dunklen Seite gestellt, das Leid angenommen. Das hast du richtig gemacht.“ Sie sagt, ich solle mir eine trauernde Person vorstellen. Sie gehe durch die Hölle. Sie leide. Es schmerzt. Endlos. FĂĽr diese Person sei es in dieser akuten Situation besonders wichtig, ihre GefĂĽhle nicht zu verdrängen. DarĂĽber zu sprechen. Zu weinen. WĂĽtend zu sein. Ihren GefĂĽhlen freien Lauf zu lassen. Aber irgendwann wird ihre Trauer auch leichter. Wenn sie sie richtig verarbeitet hat.

Noch Tage später schwirrt mir dieses wohltuende Gespräch im Kopf herum. Habe ich wirklich gelernt, mit schwierigen Gefühlen umzugehen? Ich, die jahrelang keine Träne vergiessen konnte? Ich, die vor schwierigen Gefühlen am liebsten wegläuft. Die in akuten Situationen Angst vor ihnen hat. Ich mag einfach nicht leiden. Gut, wer mag das schon? Ich will leicht sein. Und genau das bin ich jetzt. Federleicht. So leicht habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Aber der Umgang mit schwierigen Gefühlen ist für mich immer wieder eine Herausforderung.

KĂĽrzlich habe ich ein Buch von Rolf Dobelli gelesen und bin auf Folgendes gestossen. Der Bestsellerautor schreibt, er gehe mit seinen GefĂĽhlen um, als gehörten sie ihm nicht. Sie kämen von irgendwoher, besuchten ihn und gingen wieder. Genau das habe ich beim Meditieren gelernt. Doch Dobelli geht noch einen Schritt weiter. Er sehe sich oft wie eine offene, luftige Markthalle, die von Vögeln aller Art durchflogen werde. Manchmal durchflogen sie die Halle nur, manchmal verweilten sie etwas länger, manchmal liessen sie sich sogar etwas „fallen“. Aber am Ende zogen sie alle weiter. Eine schöne Metapher, wie ich finde.

Mentale Widerstandsfähigkeit kann trainiert werden – durch Meditation oder kalte Duschen, durch das Zulassen und Aushalten negativer Gefühle. Das ist erwiesen. Innere Stärke wächst aus Krisen. Das Leben wird leichter, wenn ich wichtige Entscheidungen endlich treffe und nicht weiter vor mir herschiebe. Wenn ich dem Leben in allen Situationen mit Humor begegne, mir selbst mindestens einmal am Tag ein Lächeln schenke. Wenn ich mich mit lieben Menschen umgebe und jeden Tag ein Ziel verfolge. Wenn ich Pausen einlege, bei der Arbeit und im Leben. Ich lade Leichtigkeit in mein Leben ein, indem ich mich immer wieder frage: Will ich das? Tut mir das gut? Indem ich mich tief im Boden verwurzle, Schmerzen gegenübertrete und mit meiner ganzen Standhaftigkeit durch sie hindurchschreite.

© Tanja Frei 2024-06-28

Genres
Biografien
Stimmung
Herausfordernd, Emotional, Hoffnungsvoll, Inspirierend, Reflektierend
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