von Doris Neidl
In Wien rede ich nie mit meinen Freunden über Sex. In New York schon. Vielleicht liegt das ja an der Sprache, weil, wenn man nicht in seiner Muttersprache spricht, traut man sich viel mehr zu sagen. Auf alle Fälle hat mir die Oliana einmal erzählt, dass der Sex mit ihrem jüngeren Liebhaber extrem toll war und extrem lange gedauert hat und sie das Gefühl gehabt hätte, es wären drei Männer und nicht einer. “Sounds horrible”, war meine Antwort “I like Quickies”.
Ich stelle fest, dass in den Filmen, vor allem in den Nouvelle Vague Filmen, die Leuten nach dem Sex immer total gut ausschauen, die Frisuren sitzen, die Frauen schauen wunderschön aus mit rotem Lippenstift. Vielleicht nehmen sie ja “Stay” von Lancôme. Überhaupt nicht verwüstet mit roten Flecken. Und dann gibt es die Zigarette danach. Ich habe mir wirklich ernsthaft überlegt, zu rauchen zu beginnen, weil das so cool ausschaut.
Khalil ist Kettenraucher. “I don’t want to kiss an ashtray”, sagte ich 100 Mal zu ihm. Als wir damals vor vielen Jahren in einem Hotel im 12. Stock in San Francisco waren, rauchte auch er die Zigarette danach. Leider nicht im Bett, sondern unten vor dem Hotel, ich wartete oben im Zimmer. Ganz uncool war das. Einmal kam er mit zwei Liter Milch und vier Muffins zurück. Jeder sollte einen Liter Milch und zwei Muffins bekommen. “Man, I am thirsty”, sagte er und trank einen Liter in einem Zug. Vielleicht, dachte ich, hat er einen Kaliziummangel. Meine Muffins wollte ich mir aufheben und irgendwie bin ich dann anscheinend eingeschlafen. Als ich wieder aufwachte, starrte ich in zwei weit aufgerissenen Augen. “Are you feeling sick?” Weil, nach einem Liter Milch kann einem leicht schlecht werden. Da wusste ich noch gar nicht, dass er auch den zweiten Liter getrunken hatte. “No, I am just looking at you.” Das fand ich ja wieder nett, aber vielleicht sinnierte er ja ebenso über die Nouvelle Vague Filme, über Godard, Chabrol und Varda.
“I want my muffins now”, sagte ich. “I ate them. You slept.” Ich war schockiert. Zwei Liter Milch und vier Muffins.
Noch heute sage ich manchmal ganz traurig zu ihm: “You ate my muffins”, so als wäre das der Grund, warum aus uns dieses eigenartige Nicht-Paar geworden ist, so ein “Same time next year” Paar, oder alles ganz anders. “Not that again” ist Khalils Antwort.
© Doris Neidl 2021-07-27