Nackt 1

Ursel_Heinemann

von Ursel_Heinemann

Story
Vor dem Spiegel

Es mag Jahre her sein, dass ich zuletzt so vor dem Spiegel stand, aber heute wünschte ich, ich hätte es mein Leben lang vermieden. Beim letzten Mal, da bin ich sicher, habe ich nicht versucht den Blick so starr wie möglich auf mein Gesicht zu richten und den Rest meines Selbst, angestrengt erschrocken, wie ich mich heute fühlte, mit aller Macht zu ignorieren – ja auszublenden. Aber selbst der erste nur flüchtig gewonnene Eindruck meines ganzen, nackten Körpers ist unmöglich ungesehen oder besser gesagt ungeschehen zu machen.

Steht man im Alltäglichen vor dem Spiegel, dann betrachtet man sein Gesicht und überlegt, wie man kleine und auch größere Unzulänglichkeiten vertuschen oder erträglich machen kann. Man nimmt sich einen Abdeckstift und schmiert, wo es einem gerade angebracht erscheint, ein Wenig beige auf Narben, Mitesser oder schlicht unter die Augen. Die ganz normale Leugnung des Alterns und des Verfalls zelebrierend, nimmt man die sogenannte Camouflage zur Hand und nivelliert vom Leberfleck bis zur ziemlich groß gewordenen Sommersprosse all das, was ungeschminkt höchstens und bestenfalls als Lebenserfahrung oder Persönlichkeit einen Stellenwert vor dem quasi alles bedeutenden Hautbild des Alternden einnehmen könnte.

Mit Tarnfarbe ist aber nicht einmal mehr dem Gesicht geholfen, wenn man wie ich heute vor dem Spiegel steht und auf einen Körper, wie den meinen herabblickt. Und selbst dieses Herabblicken hat etwas an sich, das weder mit den Worten Selbstzweifel und Selbsthass, noch mit einer Kombination aus beiden hinreichend beschrieben wäre. Es ist der Blick auf blaue angeschwollene Knie, die verbogen und verdreht, fast einer Urwaldliane gleich, nach dem Halt eines Baumes suchen, den zu finden sie wohl nie mehr imstande sein dürften. Es ist der Blick auf einen riesenhaften, von groben Wachstumsstreifen überzogenen Bauch. Es ist der Blick auf einen graubraunen Bruchsack, der sich, wie eine zu straff mit Silikon vergrößerte Brust, vom Körper weg zu strecken scheint. Und es ist der Blick auf unnatürlich vergrößerte und durch die Schwerkraft entstellte Brüste, die sich vielmehr über den Bauch verteilen zu scheinen, als dass sie als darüber angewachsen erkennbar wären.

Vielmehr noch als die offensichtliche Entstellung meines vergehenden Körpers, den nackt wahrzunehmen ich seit langem vermieden habe, ist die plötzliche Einsicht verstörend, dass ich kleiner geworden sein muss. Und die eingedrehten Knie, die unter der Last meines Körpers nachgegeben haben, so erschreckend wie das schon für sich genommen ist, tragen daran nicht Hauptschuld. Eher noch ist es meine Haltung, die zu wahren mir nicht nur Anliegen, sondern Anspruch gewesen war. Sie muss wohl schon länger verloren sein, als ich es mich glauben machen wollte. Nicht nur, dass der Versuch den Rücken gerade auszustrecken mir nicht gelingen mag, ich vermag es auch nicht mehr den Blick von meinem Bauch hinauf in meine Augen zu richten. Meine Schultern, übersät mit viel zu großen, nennen wir es noch einmal Sommersprossen, sind eingerückt, muskellos und, vom Versuch sich über meinen Kopf zu erheben, zu knorrigen Scharnieren geworden, die jedes Heben des Kopfes zu einer Kraftanstrengung sondergleichen macht.

© Ursel_Heinemann 2024-08-31

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Herausfordernd, Dunkel, Emotional, Reflektierend, Traurig
Hashtags