Nebel

Olaf Maly

von Olaf Maly

Story

Nebel ziehen über die sanft geschwungenen Hügel, durch die Holunderbüsche, das hohe Gras, die Apfelbäume und alles, was neben der Straße zu sehen ist, auf der ich stehe und warte, was eine Ewigkeit zu sein scheint. Es sind massige, nasse Wolken, angefüllt mit dichter, schwerer Schwärze und den übriggebliebenen Farben des Sonnenuntergangs, dem gelben und dunkelrotem Himmel, der gerade erst hinter dem Horizont verschwunden ist. Sie haben sich die Farben mitgenommen, scheinbar um dem Ereignis, das kommen sollte, eine gebührende Achtung zu verleihen. Ich trete von einem Bein auf das andere, ziehe meine Jacke bis zum Kinn zu und versuche, der Kälte zu entkommen, die langsam in meine alten Knochen kriecht.

Ich hatte einen Anruf bekommen, dort in dem Café, in dem ich immer sitze, wenn ich allein sein möchte, um Zeitung zu lesen. Auch war ich oft dort, nur um die Menschen zu betrachten, die hastig am Fenster vorbei gingen und die alles, was sie taten, für wahnsinnig wichtig hielten. Ihre Wichtigkeit tropfte ihnen fast aus den Augen, sie schwitzten sie aus jeder Pore. Angestrengt sahen sie nach vorne, ihren Blick stur geradeaus gerichtet. Sie rannten dorthin, wo sie eigentlich gar nicht sein wollten, nur um wieder davor zu flüchten, wenn sie endlich angekommen waren. Ich hatte dieses Konzept nie richtig verstanden, wenn es auch lange ein Teil meines Systems gewesen war. Nur hatte ich es lange aufgegeben, mich dirigieren zu lassen. Endlich war ich in einem Alter, das mir Freiheit schenkte.

Es war einer dieser Anrufe, wie sie ständig auf meinem Telefon landeten, außer, dass der Anrufer in diesem Fall meinte, es wäre sehr wichtig. Das war das letzte, an was ich mich erinnerte, als ich plötzlich auf dieser einsamen Straße stand. Ab diesem Moment hatte ich nur noch ein sehr seltsames Gefühl von Leere und Einsamkeit. Obwohl ich wusste, wo ich war, hatte ich doch keine Ahnung, wie ich dort hingekommen war oder was ich dort sollte. Alles um mich herum war Leere, außer den Hügeln, dem Wald, dem Land, den Wiesen und dem unsichtbaren Himmel. Die Straße schien endlos. In beide Richtungen. Eigentlich war es nur eine dumpfe Illusion, fades Licht, das sich in die Endlosigkeit verlor. Ich versuchte Konturen auszumachen, irgendetwas, woran ich mich orientieren konnte. Etwas Substantielles, Greifbares. Irgendetwas, was mir Sicherheit geben könnte.

Ein Licht erschien und hatte einen Kreis herum, der wie ein kleiner, runder Regenbogen aussah. Das gab ihm etwas göttliches, vollkommenes, was ich noch nie gesehen hatte. Das Licht kam näher und näher. Es schien nur eine Illusion zu sein und ich dachte, ich müsste nichts anderes tun, als die ganze Schönheit in mich hineinsaugen. Trotzdem konnte ich nicht sagen, was es war, konnte keine Erklärung finden für dieses Phänomen. Als das Licht immer größer wurde, nahm es die Landschaft mit, verschluckte sie, bis nichts mehr zu sehen war als komplette Dunkelheit. Absolute, vollständige und makellose Dunkelheit.

© Olaf Maly 2021-10-03

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