New York, nie das selbe

Wolfgang Mayer König

von Wolfgang Mayer König

Story

Wolfgang Mayer König

Zwar war ich schon oft in New York, aber unter jeweils anderen Umständen. Da wechselt auch der Eindruck, den die Dinge hinterlassen, Farben und Gerüche sind andere,den Central Park erlebt man nie gleich.

Ich war schon ganz down in New York und relativ high. Später Permanent Representative bei den U.N., las ich früher im Ford Institute, an Universitäten und in diversen Jazzkellern. Jedoch als Jugendlicher konnte ich mir in New York gar nichts leisten, übernachtete mit Obdachlosen im YMCA und ging tagsüber Gelegenheitsarbeiten als Hilfskraft in Feinkostläden und als Austräger nach. Da hat man andere Begegnungen als die Späteren. Vor allem bei Subwayfahrten, den nächtlichen in Bronx und Harlem mit übermüdet heimkehrenden Krankenpflegern nach einer langen Schicht; oder mit einem Transversite, der unter seiner Hormonkur litt und vor seiner Geschlechtsumwandlungsoperation stand, seiner plastic surgery, sich aber dieser existentiellen Entscheidung nicht so sicher war; oder einem total unglücklichen Langzeitarbeitslosen, der sich nach seinem Indianerreservat zurücksehnte, froh war, dass er überhaupt jemandes Gehör fand, und mir deshalb sein Halsband schenkte: mehrere Lederriemen, auf denen parallel längliche Knochenösen aufgefädelt und mit bunten Holzperlen zusammengebunden waren, und sodann in einem großen, schillernden Perlmuttknopf endeten, aus dessen vier Nählöchern die Spitzen der Wildlederriemen ragten. Er verlieh mir dieses Halsband, legte es über mein Haupt an meinen Hals, würdiger, aufrichtiger und dankbarer, als es alle anderen Zuwendungen oder Anerkennungen waren, die mir in meinem späteren Leben widerfuhren. Jahre später habe ich dieses Halsband als Talisman an ein leukämiekrankes Kind weitergereicht, das bald verstarb und damit begraben wurde. Sicher bestmöglich weitergegeben. Doch all‘ das, was von diesem Halsband ausging, die Kraft dieser Begegnung, die Kraft dieser Erinnerung fehlt mir bis heute empfindlich. Über vieles, fast alles und jedes, habe ich Storys geschrieben, nicht so über New York. Erst jetzt bei Story.one. Immer wenn ich nachts irgendwo auf der Welt an einem Strand spazieren gehe, bin ich an jenes Erlebnis auf Conny Island erinnert. Ich befand mich oben auf der Strandpromenade und sah unten am Strand festlich in Anzug und Cocktailkleid gekleidete, hochbetagte Frauen und Männer hippiesk im Sand um ein Lagerfeuer sitzen. Sie hatten fast alle Mandolinen in Händen und versuchten sie zu stimmen und zu intonieren. In dem Augenblick ging ein ebenso hochbetagtes Paar knapp an mir vor bei, den Blick zum Strand gerichtet. Da rief sie begeistert aus: „Oh, they play very nice“. Er darauf: „No, they intonate „.

© Wolfgang Mayer König 2020-04-27

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