Hallstatt, 12. August 2020
Hallstatt, Sehnsuchtsort für Reisende aus China. Dort hatte man sogar eine Kopie der pittoresken Ortschaft geschaffen, was dazu führte, dass noch mehr Chinesen das Original sehen wollten. Dieses war von österreichischen Touristen zunehmend gemieden worden – auf Menschenmassen aus Fernost, die sogar in den Vorgärten der Häuser und mittels Drohnen aus der Luft fotografierten, hatte hierzulande kaum jemand Lust.
Ich auch nicht. Daher wollte ich mir die Chance, ein im Sommer 2020 nicht von „Overtourism“ erdrücktes Hallstatt anzusehen, keinesfalls entgehen lassen. Ohne meine Tochter, die vorzog, noch ein paar Tage bei Freunden am Attersee zu bleiben.
Von der Anlegestelle des Hallstättersee-Linienschiffs steuerten die meisten Passagiere direkt die nächstgelegenen Lokale an, während ich mich auf den Weg zur Tourist-Info machte, um mir einen Plan zu besorgen. Den bekam ich von einem Mitarbeiter, der mangels anderer informationsbedürftiger Reisender Zeit hatte, sich mit mir zu unterhalten. In den vergangenen Jahren seien rund 60 Reisebusse täglich mit vor allem aus dem asiatischen Raum stammenden Gästen hier angekommen, erzählte er. Und das in einem Ort mit weniger als 800 Einwohnern. „Die Zahl der Reisebusse ist vor Corona auf 42 pro Tag beschränkt worden. Aber jetzt kommen eh keine Busse.“ Es wirkte nicht, als würde er sie vermissen.
Dass es in den ruhigen Gassen mit den an ein Freilichtmuseum erinnernden Häusern ganz anders zugegangen sein musste, konnte man nur aufgrund von Schildern erahnen. „Hallstatt is no museum. Please show respect to the people living here …“, stand da. Und darunter: „NO DRONE ZONE“.
Einen herrlichen Blick aus der Vogelperspektive bekam ich auch ohne Drohne – von dem steil bergauf zum Salzbergwerk führenden Wanderweg. Ein Stück oberhalb der letzten Häuser holte ich eine Frau ein, hinter der ein kleines Mädchen sichtlich erschöpft hertrottete. Wie weit es noch zum Salzbergwerk sei, wollte sie wissen. „In Ihrem Tempo mindestens 40 Minuten“, schätzte ich. Die Frau schüttelte den Kopf. „Das gibt’s nicht! Auf Google Maps sind es sieben Minuten von der Fähre.“
Zum Beweis hielt sie mir ihr Handy unter die Nase. Darauf war eine bei der Schiffsstation beginnende punktierte Linie zu sehen. Sie endete beim Besucherzentrum Salzwelten Hallstatt mitten im Ortsgebiet. Ich riet ihr, zurück zur Salzbergbahn-Talstation zu gehen – und fragte mich, ob die in Zeiten von Corona noch zahlreicheren Halbschuhtouristen, die für Rekorde bei den Bergrettungseinsätzen sorgten, auch versucht hätten, sich mithilfe einer Google-Straßenkarte zu orientieren.
Das Salzbergwerk, das ich als Kind auf einer Schullandwoche besucht hatte, begeisterte mich genauso wie damals – nicht nur wegen der längsten unterirdischen Rutsche Europas. Bei der Führung sah ich auch die ersten asiatisch wirkenden Touristen, seit ich in Hallstatt angekommen war. Sie hatten nicht einmal eine Kamera mit.
© Zwischen_den_Zeilen 2020-09-29