von Susanne Radke
Vor einigen Jahren erfüllte sich unsere Familie einen Traum – einmal nach Amerika und den Yellowstone-Nationalpark besuchen. Am Anfang waren wir wenig begeistert: eine endlose Autoschlange am Eingang und als wir dann endlich auch vierbeinige Säugetiere (Wapitihirsche) zu Gesicht bekamen, wurden wir gleich mit Megaphon angebrüllt und von den Rangern weitergewunken, weil schon viel zu viele Autos am Straßenrand parkten. Am nächsten Tag stand für uns fest: lieber in das eher abgelegene Lamar valley und dort eine einsame Wanderung. Wie in so vielen anderen amerikanischen Nationalparks gilt nämlich auch hier die Regel – Alles was mehr als eine halbe Stunde Fußmarsch erfordert, wandelt sich blitzartig vom Touri-Hotspot zum “Geheimtipp”. Das war nun gleich eine ganz andere Erfahrung. Ein Seeadler, der vor unseren Augen eine Forelle aus dem Fluss holte, Gabelböcke, die nur in wenigen Metern Entfernung neben uns dahinzogen und sogar eine spielende Fischotterfamilie, was wirklich ein unglaublicher Anblick war. Ebenfalls ziemlich unglaublich, allerdings nicht ganz so entzückend waren die zahlreich vertretenen Schlangen, die uns erst auffielen, als wir barfuß und sorglos neben dem Fluss rasteten und einige Exemplare – sowohl der ungiftigen als auch giftigen Art – vollkommen unbeeindruckt an unseren nackten Zehen vorbeischlängelten. Als wir losgegangen waren, hatten wir am Horizont auch einige Büffel gesehen und gehofft, sie würden später noch da sein, aber wie nahe wir den gewaltigen Tieren wirklich kommen sollten, ahnten wir nicht.
Unsere Wanderung hatte uns immer entlang des breiten und windgeschützten Flussbetts geführt und das lag einige Meter tiefer als der Rest der Prairie. Als wir schließlich umkehren wollten, kletterten wir die Flußböschung nach oben – und trauten unseren Augen nicht. Inzwischen hatte sich eine riesige Büffelherde genähert und graste nun genau zwischen uns und dem Auto. Hätten wir sie umgehen wollen, wäre das ein enormer Umweg gewesen. Da viele Büffelkühe mit Kälbern und beeindruckende männliche Exemplare mit dabei waren, wurde uns ziemlich mulmig zumute. Natürlich kamen mir sofort die Schlagzeilen in den Sinn, dass Bisons mehr Touristen am Gewissen hätten als Bären…
Wir beschlossen, wieder in das Flussbett zurückzukehren und uns dort nahe an der Kante zu halten, wo wir einigermaßen unsichtbar waren. Nach einiger Zeit begegneten wir einem Fliegenfischer, der uns warnte: “Achtung, da hinten sind ein paar Büffel!” Wir sahen ihn sprachlos an – Er selber hatte ebenfalls noch nicht bemerkt, dass direkt hinter seinem Rücken eine Riesenherde aufmarschiert war und als wir es ihm zeigten, wurde er ganz bleich. Die letzten Meter waren die schwierigsten, weil einige Tiere zum Fluss gekommen waren und uns reglos beobachteten, als wir vorbeischlichen. Noch nie waren mir Hörner so riesig vorgekommen! Doch am Ende gelangten wir unbehelligt zum Auto und ein paar tolle Fotos gab es obendrein –
© Susanne Radke 2022-04-06