Oberflächlichkeit

Melly Schaffenrath

von Melly Schaffenrath

Story

Oft wird angenommen, jemand der immer aufgestylt daherkommt, nur Markenklamotten trägt, stark auf sein Aussehen achtet und ein teures Auto fährt, ist oberflächlich. So jemand achtet doch nur auf Äußerlichkeiten und gibt Geld für unnötige Dinge aus. Sieht man so jemanden auf der Straße, macht man sich sofort ein Bild von der Person und stempelt sie als oberflächlich ab.

Auch mir passiert es, dass ich solche Personen gern vorschnell schubladisiere. Bis mir dann auffällt, dass in diesem Fall ICH diejenige bin, die oberflächlich ist. Wie kann ich jemanden beurteilen, mit dem ich kein Wort gesprochen habe? Wie kann ich jemanden in eine Schublade stecken, den ich nicht kenne? Ja, dann schminkt sich die Dame halt gern und rennt gern den ganzen Tag aufgestylt in Highheels herum. Ja, dann fährt der Typ in Markenklamotten eben einen sündhaft teuren Audi. Das sagt gar nichts über den Charakter der Personen aus.

Ich behaupte gerne, ich bin nicht oberflächlich. Aber dieser kleine, erste Impuls, dieser erste Gedanke, der einen durch den Kopf schießt, wenn man eine Person sieht, gegen den komme ich doch nicht an. Erst 1-2 Atemzüge später fällt mir dann ein, dass ich die oder den ja gar nicht kenne und ihn nicht in Schubladen zu stecken habe.

Letztes Jahr hatte ich einen Termin mit einem neuen Trainer in meinem Fitnessstudio. Ein junger Mann, Mitte 20. Groß, braungebrannt, hübsches Gesicht, perfekter Haarschnitt, perfekter 3-Tage-Bart und perfekt gepflegte Hände. Also perfekt halt. Und als Fitnesstrainer: Oberarme dicker als meine Oberschenkel (vermutlich, hab jetzt nicht nachgemessen), Sixpack (oder 8-Pack?), … Insgesamt das Aussehen wie direkt einer Hochglanzzeitschrift entsprungen. Erster Gedanke: Arroganter, aufgepumpter, oberflächlicher Prolo.

Nach einigen Minuten musste ich ihn zähneknirschend aus dieser Schublade, in die ich ihn gesteckt hatte, wieder raus holen. Mittlerweile, ein Jahr später, tut mir dieses Schubladisieren echt leid. Er ist nett, amüsant und sympathisch.

Eine gute Freundin: Blond gefärbte Haare bis zum Arsch, große blaue Augen. Immer top gestylt, geschminkt und nur in Markenklamotten anzutreffen. Einer ihrer Spitznamen: Püppchen. Ich kenne sie seit Jahren. Sie ist mit eine der humorvollsten und intelligentesten Menschen die ich kenne, riesiges Herz aus Gold inclusive. Ich bin mir aber ziemlich sicher: wenn ich sie nicht kennen würde, ich würde auch sie in der ersten Sekunde abstempeln.

Fazit einer langen Diskussion mit meinem Freund diesbezüglich: Das ist vermutlich menschlich. Dieser erste Impuls. Und es geht wahrscheinlich den meisten Menschen so, auch wenn sie es nicht zugeben. Wichtig ist, sich nach 1-2 Atemzügen zu besinnen: Ich kenne ihn/sie nicht. Den Mensch hinter dem Aussehen, dem teuren Auto und der Schminke. Ich kenne die Geschichte der Person nicht. Und auch nicht den Charakter. Und das ist es, was die Person ausmacht.

Foto: Unsplash, Andrew Ridley

© Melly Schaffenrath 2020-07-05