von Christina Glück
Mein Zaun ist von außen betrachtet nichts Besonderes. Ein bisschen bieder, kein Schmuckstück, aber er strahlt eine romantisch-verwunschene Natürlichkeit aus.
Seine einfachen oben zugespitzten Holzlatten sind senkrecht nebeneinander angeordnet und fest in der Erde verankert. Durch die schmalen Abstände zwischen den Brettern kann das Sonnenlicht hindurchscheinen. Er ist nicht allzu hoch, aber hoch genug, um mir Schutz zu bieten.
Mein Zaun hat in Bodennähe zwei Löcher, die so groß sind, dass Katzen durchschlüpfen können. Seine Zaunlatten bestehen aus robustem Holz und sind in einem ganz hellen matten Pastellblau gestrichen, was dem Zaun ein maritimes Ambiente verleiht. Seine individuelle Holzstruktur ist gut erkennbar; wenn man genau schaut, entdeckt man so manche Astlöcher, kleine Risse und Einschlüsse. Dort, wo an meinem Zaun Sträucher und Büsche wachsen, bahnen sich einzelne Zweige den Weg durch die Ritzen und blicken verstohlen von außen hinein.
Mein Zaun hat natürlich auch ein Türchen, das jederzeit – aber nur von innen – geöffnet werden kann. Es ist zumeist verschlossen, aber hin und wieder öffne ich es, um liebe Besucher willkommen zu heißen. Manche gehen wieder nach einem Plauscherl, manche bleiben länger, wenige bleiben für immer.
Wenn ich mir meinen Zaun näher anschaue und genau hinschaue, erkenne ich, dass der Lack an einigen Stellen abgesplittert ist. Außerdem erkenne ich auf der nach außen gerichteten Seite eines Brettes Kratzspuren. “Ich könnte ihn wieder mal neu streichen”, denke ich mir, aber verschiebe das Vorhaben, wie die letzten Jahre auch schon, auf die nächste warme Saison.
Tapfer strotzt mein Zaun den Jahreszeiten, doch die Witterung setzt ihm auch ordentlich zu. Vereinzelte Bretter, offenbar doch nicht so fest im Boden verankert, ragen schräg aus der Erde. Sie sind leicht nach innen geneigt, so als würden sie sich vor mir verbeugen; ich nenne sie liebevoll meine wohlwollenden hölzernen Freunde. Die anderen zeigen nach außen, so als hätte eine physische Kraft wieder und immer wieder stur auf sie eingewirkt, bis sie fast aus der Verankerung gerissen wurden.
Mein Zaun ist nicht perfekt. Manchmal will ich ihn verfluchen für seine Wind- und Lichtdurchlässigkeit, seine abgeblätterte Farbe, seine Höhe, die mir mitunter zu niedrig ist. Manchmal wünschte ich mir eine Steinmauer herbei.
Eine Brise zieht auf. Ich höre den Wind durch die Latten pfeifen, ein geheimnisvolles zischendes Flüstern, das Unbehagen in mir auslöst. Ich hab den Wink mit dem Lattenzaunpfahl schon verstanden, lobe mich für den billigen Kalauer und denke mir: “Das hast du davon, dass dein Zaun Zwischenräume hat”.
Er ist nicht perfekt, mein Zaun. Aber ich liebe ihn. Mal seine Bretter, mal seinen Zwischenraum.
© Christina Glück 2022-03-10