von Tim Griffel
Du zeigst mir das Haus. Eine kleine Führung gibt es durch Küche und Bad, Schlaf- und Wohnzimmer, als wäre alles frisch renoviert und du erst kürzlich eingezogen. Wollen wir noch nach oben? Du erzählst mir, was sich überall tun lässt. Dort kann man duschen: Marmor, ganz weiß. Hier kann man schlafen: Federkissen, herrlich weich, bestickt mit Blumen. Zu den vielen Blumen auf dem Küchentisch frage ich dich, woher sie wohl kommen. Mit einem Kichern antwortest du: Schön, nicht wahr? So bunt. Die muss man doch mitnehmen.
Auch mich nimmst du mit, wieder ins Wohnzimmer, wo wir uns setzen zu Milch und Keksen. Ob ich noch einen will, fragst du mich. Ich sage: Ja. Willst du nicht noch einen? Ja, sage ich, wie ich es schon vorher tat, früher tat. Hier vor 18 Jahren. Mit schreiender Kinderstimme und hungrigem Bauch. Noch kalt vom Regen, doch endlich in deinem warmen Zuhause.
Wir reden ein wenig. So gerne hörst du mir zu. Manchmal glaube ich sogar, dass du die Einzige bist, die noch zuhört. Denn auch wenn nichts mehr hängen bleibt, du kaum noch etwas verstehst, so fühlst du bei meinen Geschichten doch noch am meisten. Als machten sie in dem Moment dein ganzes Leben aus.
Begeistert bist du von dem, was ich tue. Stolz, jedes Mal aufs Neue und ich freue mich über dein Lächeln und die hundert kleinen Falten und Furchen, die sich darum auftun. Wie bei einer alten, weisen Baumrinde, die alles und mehr von dem gesehen hat, was das Leben für uns bereithält.
Wenn du dann sprichst und deine Worte weder etwas von Gestern noch von Morgen wissen, so sind es dennoch die Worte einer hellsehenden Sibylle und dein ruhiges, warmes ‘Das wird, das wird’ mein Schicksal, von dem ich mich leiten lasse. Als ich dir erzählte, dass ich sie liebe, und du uns alles Gute wünschtest, fühlte ich, an deine vor Freude zitternde Wange gedrückt, dass es das wird. Du wusstest nicht einmal mehr, wer sie war und doch bereits, noch vor uns, dass wir heiraten werden. Wie sehr ich mir wünsche, dass du es auch noch erlebst.
Du bist alles, mehr als ich jemals sein werde und gleichzeitig wieder ein Kind, das die Welt zum ersten Mal entdeckt. Für das alles unbekannt und aufregend ist. Das nicht weiß, was Zeit ist oder wann sie endet. Das einfach lebt und schaut und lacht.
Ein bisschen beneide ich dich. Ich sorge mich um Liebe und Zukunft, habe Angst davor, dass eines Tages nichts mehr kommt, nichts mehr bleibt, wenn ich gehe. Und du freust dich einfach darüber, dass wieder Frühling ist.
Obwohl du nichts mehr hast, keinen Mann, keine Erinnerung, kaum Kraft, kaum Zeit – hast du alles, was du brauchst, um glücklich zu sein. Alles, um dich wieder und wieder zu freuen, dass, als hätte sie es noch nie zuvor getan, die Sonne heute scheint und ich bei dir bin. Selbst wenn ich für dich keinen Namen mehr habe.
Und wenn ich jetzt gehe, dich verlasse und du mich begleitest, wie immer so weit, dass ich mich sorge, dass du den Weg zurück nicht mehr finden könntest – dann gibst du mir alles mit. Alles, was von dir bleibt: ein ganzes Leben.
© Tim Griffel 2022-08-30