von Sonja Leoni
Die Backstube war fĂŒr mich immer sehr faszinierend. Ich durfte das heiliges Reich sehr selten besuchen, meistens wenn niemand anderes Zeit hatte auf mich aufzupassen. Unter dem grossen Fenster war ein langer Holztisch, dort machte Onkel Herbert die verschiedenen Teige fĂŒr, Russenzöpfe, HefekrĂ€nze,Linzertorten und die verschiedenen StĂŒckli (grosse trockene Kekse damals fĂŒr 20 Cent). Er hatte das Mehl wie einen Berg auf dem Tisch, machte mit den HĂ€nden eine Mulde, wo er Eier, Zucker ect. zugab und alles zu einem Teig zusammen fĂŒgte. Er setzte mich immer daneben auf den Tisch und ich genoss es, ihm zuzuschauen. Auch war das Naschen vom Teig immer etwas gutes. Auch sonst gab es allerlei Interessantes in der Backstube. Es gab auch eine alte grosse Brotknetmaschine und viele kleine GerĂ€tschaften, am liebsten hĂ€tte ich mit all den Sachen gespielt, aber da kannte Onkel Herbert keinen Spass. Was sich neben dem grossen Holztisch befand, waren 2 grosse HolzfĂ€sser, in einem war Zucker, im andern war Salz. Das Fass mit Zucker hatte es mir angetan. Wenn ich dachte, Onkel Herbert wĂŒrde es nicht sehen, stellte ich mich auf die Zehenspitzen, damit ich mit meinen kurzen Armen in das Fass langen konnte und stibitzte ich ein KlĂŒmpchen Zucker. Doch Onkel Herbert sah es und verstellte die FĂ€sser. Da spuckte ich, als ich anstelle von Zucker, Salz erwischte. Da war ich kuriert und Onkel Herbert schmunzelte fĂŒr sich.
Das war nicht das Einzige, was ich angestellt hatte. Hatte er doch eine grosse Bestellung von 20 HefekrÀnzen, die er nach oben in den Laden brachte, damit Oma sie schön in Cellophan einpacken konnte. Wie immer war ich auch in der NÀhe, niemand anders hatte Zeit, auf den kleinen Fratz aufzupassen. Da klingelte das Telefon und das befand sich im Gang. Die kurze Zeit reichte, die HefekrÀnze auf dem Ladentisch, die schön an der Tischkante vorne waren mal zu probieren, ob die schmeckten. Nicht nur einen, nein, ich habe alle angefressen und bei jedem einen Bissen genommen. Da war das Donnerwetter da. Onkel Herbert musste am Samstagnachmittag nochmals in die Backstube, um neue HefekrÀnze zu backen. Ich durfte nicht mit ihm, ich hÀtte genug Unsinn angestellt, er wollte seine Ruhe, das war vielleicht besser so.
Onkel Herbert war aber nicht immer in seiner Backstube, am Nachmittag, wenn er fertig war, legte er sich immer aufs Sofa, um ein Nickerchen zu machen und ich genoss es, bei ihm zu liegen, da war ich unter Aufsicht und konnte keinen Unsinn machen. Onkel Herbert hatte einen grossen Bauch, da konnte ich mich ankuscheln und er knurrte immer so lustig beim Schlafen. Es war interessant ihm beim Schlafen zuzuschauen, die Haare in der Nase bewegten sich beim Ausatmen, wie Haare im Wind, wenn ich konnte, zog ich auch ein wenig daran, dann schimpfte er, man hat nicht 5 Minuten Ruhe wegen des kleinen Plagegeistes.
FĂŒr mich es war immer lustig bei Oma und Onkel Herbert, aber ob sie das auch so sahen, wage ich heute zu bezweifeln.
© Sonja Leoni 2026-02-22