von MamaBunt
Eines Morgens wachte der kleine Nasenbär Otto auf, als seine dunkle, warme Höhle ganz plötzlich und ohne Vorwarnung von einem gewaltigen Beben erschüttert wurde. Dem Beben folgte ein unvermittelt aufkommender orkanartiger Wind, der Otto mit nahezu Lichtgeschwindigkeit und unter ohrenbetäubendem Lärm aus seiner Höhle katapultierte. Otto wurde umhergewirbelt, überschlug sich mehrmals in der Luft und landete schlussendlich in einem weichen, aber grellweißen Tuch. Verwirrt und immer noch nach Fassung ringend, sah sich Otto um und musste seine kleinen, tief liegenden Nasenbärenaugen ob der gleißenden Helligkeit schließen. Zitternd und bibbernd vor Angst wünschte sich Otto nichts sehnlicher, als in seine kuschelige Nasenhöhle zurückkehren zu können, als ein erneutes Beben das Tuch in dem Otto gelandet war erfasste. Die Höhlenwände knitterten und falteten sich schließlich über Otto zusammen. Er machte sich so klein wie möglich und schmiegte sich in eine Falte, als es wieder dunkel und warm wurde und ihn der vertraute Geruch von Waschmittel und Mottenkugeln umfing. Ottos neue Höhle begann sich hin und her zu wiegen und die immer währende Bewegung, der bekannte Geruch, die geliebte Dunkelheit sowie das nahe Geklimper lullten ihn nach dem aufregenden Start in den Morgen bald in einen traumlosen Schlaf. Doch noch bevor Otto den neuen Ort erkunden oder gar lieb gewinnen konnte, riss ihn ein jäher Wasserstrom aus seinem tiefen Nasenbärenschlaf. Die Wände der Höhle zerrissen und zerfaserten in Sekundenschnelle und Otto wurde durch eine kleine Öffnung und weiter in einen Tunnel gesaugt, in dem ihn einem Wasserschwall immer schneller und immer schwindelerregender fort trug. Der Nasenbär verlor zwischenzeitlich sein Bewusstsein und kam erst wieder zu Sinnen, als der rauschende Bach in ein dünnes Rinnsal übergegangen war. Und obwohl Otto aus seiner vorherigen Höhle an schwache Beleuchtung gewöhnt war und seine Augen weit aufriss, konnte er kaum etwas erkennen, denn rund um ihn war tintenschwarze Dunkelheit. Tastend und tapsend bewegte sich Otto vorwärts bis er unerwartet gegen etwas Haariges stieß, dass ihn kurz an die Wände in seiner ersten Höhle denken ließ. Noch während Otto versuchte seine Gedanken zu ordnen, vernahm er ein kehliges Wispern: “Hallo, … ich bin Wally und wer bist du?” “Hahahallo” stotterte Otto, “ich bin Otto Nasenbär. Wo bin ich denn hier gelandet“. Wally gluckste … “du bist am besten Ort der Welt“. “Und wo ist das genau“, wollte Otto wissen? “Na in der Kanalisation, ganz in der Nähe von Deckel 947/2”, lachte Wally. “Komm, ich zeig‘ dir alles und stell dich den anderen vor.“ Und so kam es, das Wally, die sich als unheimlich freundliche Kanalratte herausstellte, Otto Nasenbär in ihrem weitverzweigten Zuhause herumführte, ihm alles erklärte und zeigte, und ihm zu guter Letzt Zuflucht gewährte in einer viel größere, aber ebenso gemütliche Höhle in der Otto fortan sein Nasenbärenleben verbrachte.
© MamaBunt 2022-09-10